Schweigespuren –Requiem in elf Bildern

Schweigespuren Requiem in elf Bildern

 „Schweigespuren –Requiem in elf Bildern“ nennt der Flensburger Künstler Uwe Appold den Bilderzyklus, mit dem zentralen Bild ‚Niemand bespricht unseren Staub‘. 2013 hat der Verein für Kunst und Kultur den Zyklus erworben, wobei Appold das zentrale Bild dem Verein durch Schenkung überlassen hat. Dieses Bild hängt dauerhaft im Ratssaal des Burgdorfer Schloss, dem Gedenkfries gegenüber. Die anderen 10 Bilder werden abwechselnd jeweils eines rechts und links des Bildes ‚Niemand bespricht unseren Staub‘ gezeigt. Den gesamten Zyklus hat der Verein für Kunst und Kultur der Stadt Burgdorf als Dauerleihgabe überlassen.

Diese insgesamt elf Bilder stehen in einer inhaltlichen wie auch materiellen Beziehung zum Gedenkfries, der an die Burgdorfer Jüdinnen und Juden, die Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung geworden sind,erinnert. Als die Namen und Ziffern aus dem erdigen Grund von der Leinwand gelöst waren, war für Appold die Frage, was mit dieser großen Anzahl an Buchstaben und Zahlen sowie der restlichen Erde vom jüdischen Friedhofzu geschehen hat. Diese Namens-und Datenreste hat er dannzusammen mit der Erde vom jüdischen Friedhof zu diesem visuellen Requiemverarbeitet, dasschicksalhafte Texte von Paul Celan bildnerisch reflektiert.„In der Mitte der Bilderfolge begegne ich als christlicher Malerdem jüdischen Dichter in der Hoheitsformel abendländischerDarstellung mit einem Triptychon“, schreibt Uwe Appold und fährt fort:„‚Niemand bespricht unsernStaub‘beklagt Paul Celan. In dem Mittelteil des gleichnamigen Bildes, das diewichtigste Botschaft zu enthalten hat, sind die Überreste derNamen Werkstoff geworden für ein vielumfassendes Lamentoals Widerrede: ‚Doch Paul, wir!‘“

Nachfolgend werden Gedichte(bei ‚Engführung‘ nur Auszüge)und Bilder einander gegenübergestellt, um sie ins Gespräch zu bringen. Im Gedicht ist der jeweilige Bildtitel mit Kapitälchen hervorgehoben. Im Original sind die Bilder 68 x 68 cm groß.

Das sehr lange Gedicht „Engführung“ mit Anklängen in Bild 2, 5, 8, 9 und 11 findet sich unter https://www.lyrikline.org/en/poems/engfuehrung-159als Text aber auch vorgetragen von Paul Celan selbst. Auch das Gedicht Psalm kann dort von Paul Celan selbst rezitiert gehört werden https://www.lyrikline.org/en/poems/psalm-161(bd. abgerufen 29.12.2023).

Alle Gedichte nach der Gesamtausgabe: Paul Celan „Die Gedichte. Kommentierte Gesamtausgabe“, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 2005.

Mehr zu Uwe Appold unter https://uwe-appold.de/und speziell zum Zyklus „Schweigespuren“ unter https://uwe-appold.de/aktuelles/2013/schenkungen/schweigespuren_31102012.pdf(abgerufen 29.12.2023).Zuletzt wurde Appoldmit dem Kunstpreis der Luise-Born-Stiftung für das künstlerische Gesamtwerk und internationale Tätigkeit, 2023, ausgezeichnet (Stand 29.12.2023).

Der Gedenkfries im Ratssaal des Burgdorfer Schlosses: Namen in Heimaterde

Der Gedenkfries im Ratssaal des Burgdorfer Schlosses: Namen in Heimaterde

Abb. 1 Der Gedenkfries des Künstlers Uwe Appold mit den Namen der 2008 bekannten jüdischen Menschen aus Burgdorf, die von den Nationalsozialisten ermordet wurden.

 Jüdische Familien sind über Jahrhunderte in Burgdorf beheimatet gewesen. Die GeschichteBurgdorfs kann nicht geschrieben und verstanden werden, ohne die Rolle zuwürdigen, die Jüdinnen und Juden in unserer Stadt gespielt haben. Nicht, ohne dasunvorstellbare Unrecht zu vergegenwärtigen, das ihnen während der Herrschaft desNationalsozialismus zugefügt worden ist durch Ausgrenzung, Diskriminierung, Entrechtung,Verfolgung, Deportation und Mord.Der Gedenkfries im Ratssaal des Schlosses soll den Namen der Ermordeten und Verscholleneneinen bleibenden Ort im Gedächtnis unserer Stadt geben und ihnen symbolischein Heimatrecht in unserer Erinnerung zusichern.Zweiundsechzig Namen sind in den Fries eingeprägt worden; das ist die Zahl der BurgdorferOpfer, die im Jahr 2008 bekannt war. Einige Schicksale liegen weiter imDunkel.Die genaue Zahl der Opfer bleibt eine offene Frage.

Der Flensburger Bildhauer und Maler Uwe Appold hat die Namen der Opfer mit ihren Geburts-und Sterbedaten auf eineLeinwand gebracht und mit Erde aus Burgdorf überdeckt, darunter auchErde vom jüdischen Friedhof. Die Buchstaben und Zahlen hat er danach wieder herausgebrochen. Nur deren Spuren sind sichtbar geblieben.

Abb. 2 Uwe Appold bei der Arbeit am Fries

 Uwe Appold beschreibt den Aufbau des so entstanden Gedenkfrieses und die zugrundeliegenden Gedanken folgendermaßen: „Die Komposition des Frieses besteht aus drei Strukturen, die einem inneren Dialog folgen, der sich aus den Gegebenheiten der umfangreichen Opferliste ergibt.

 Erste Struktur, gebildet aus den Namen der 62 Opfer:

Die Aufteilung der Namen auf der Fläche hat Bezug zu den 12 Namen der Familie Cohn, die den größten Platz benötigt.Durch diese Vorgabe entstehen vier Schriftfelder, die sich in ihrer Ausdehnung entsprechen. Jedes Feld wird in drei Kleinere aufgeteilt, wobei sich das jeweils Mittlere auf die Größe des Feldes der Familie Cohn bezieht. Dadurch ergibt sich eine dreiteiligehorizontale Gliederung des Frieses in 12 Felder, die sich voneinander durch die verschiedene Tönung der verwendeten Böden differenzieren. Zurückhaltende Trennungslinien, die die Flächen miteinander verbinden, unterstreichen die gestalterische Absicht.

An fünf Orten in Burgdorf wurde Erde entnommen.

Abb. 3 Aufbau des Fries

Das Mittelfeld des linken Schriftfeldes besteht aus der Erde von der Gartenstraße 9, [wo die Familie Cohn ihren Stammsitz hatte; JR].  Es wird oben und unten abgeschlossen mit Erde vom alten Gleisgelände am Bahnhof, [häufig der Ausgangspunkt der Deportationen; JR].

Das zweite und dritte Schriftfeld enthalten die Erde vomjüdischen Friedhof, dem ursprünglichen, hinteren Teil „Am Finkenherd“ und dem neueren vorderen Teil.

Das Schriftfeld rechts folgt der Aufteilung mit der Erde aus dem Stadtpark in der Mitte und aus dem Garten der Superintendentur oben und unten.

Alle Felder sind mit Friedhofserde durchmischt.  

Abb. 4 Uwe Appold entnimmt Erde vom jüdischen Friedhof (03.06.2008 ; Bilder G. Bosse

Durch die Entnahme der Böden an fünf verschiedenen Orten und der daraus resultierenden kompositorischen Aufteilung ergeben sich folgende Zahlen: die 12, 3, 4 und die 5, deren symbolische Bedeutungen es aus jüdischem Verständnis zu betrachten gilt.

Zweite Struktur, gebildet aus den 12 Flächen. 

Die Zwölfzahl ist in der Geschichte Israels von großer Bedeutung, sie ist die Zahl der Volksgemeinschaft –nämlich die der 12 Stämme–die von Jakob abstammen.

Die Zahl 12 wird aus 3 x 4 gebildet. Die 3 hat im Sinne von „ganz bestimmt, sicherlich oder gewiss“, eine höhere Eindringlichkeit als die Zahl 2. Aussagen wurden z.B. dreimal bekräftigt, wenn deren Wichtigkeit betont werden sollte.Die Zahl 4 steht für „in alle Himmelsrichtungen, das ganze Land“ oder „der ganze Erdkreis“.

Der symbolische Gehalt der Zahl 12 könnte „übersetzt“ lauten:„Die Nachkommen Jakobs werden ganz gewiss das ganze Land füllen.“ (Vgl. 1.Mose 28, 14: Und dein Geschlecht soll werden wie der Staub auf Erden, und du sollst ausgebreitet werden gegen Westen und Osten, Norden und Süden, und durch dich und deine Nachkommen sollen alle Geschlechter auf Erden gesegnet werden).

Die Hebräer kannten keine eigenen Zeichen für Zahlen. Sie behalfen sich damit, dass sie den Buchstaben des Alphabets Zahlenwerte zuwiesen.Jeder Buchstabe entspricht bei dieser Zuweisung von Zahlenwerten nicht nur einem Laut, sondern auch gleichzeitig einem Zahlenwort, das mit einem symbolischen Gehalt belegt wurde.So steht die Zahl 5 in der jüdischen Tradition mit dem Buchstaben „H“ in Verbindung.Dieser Buchstabe versinnbildlicht nach der Interpretation in einer jüdischen Quelle den „Atem Jahwes“, aus dem heraus das Leben der menschlichen Seele erweckt wird, in der die Unzerstörbarkeit des Seins zum Ausdruck kommt. […]

Dritte Struktur, gebildet aus den familiären Zugehörigkeiten:

Familiäre Verbindungen ergeben bei den 62 Opfern sieben Namensgruppen. Diese sieben Gruppen habe ich auf den Farbkreis übertragen.

Nicht die farbikonografischen Bedeutungen des Abendlandes werden dadurch angesprochen, sondern die Beziehungen von Bewegung und Ruhe finden ihren Ausdruck in der Abfolge von Gelb, Orange, Rot, Rotviolett, Blauviolett, Blau und Grün.  Die Farben auf der rechten Seite des Farbkreises (im Uhrzeigersinn) sind die stimulierenden oder aktiven Farben, die auf der linken Hälfte werden als sedierende oder inaktive, beruhigende Farben gewertet.

Gleich einem entschwebenden Schweigen sind die Farben bei den entsprechenden Gruppen sehr verhalten und behutsam auf dem Fries angelegt.

[…]

Die Malfläche des Frieses besteht aus einem Keilrahmen in den Maßen 1.32 x 3.60 m, der auf der Rückseite mit fünf Haltekreuzen versehen wurde.Dadurch ergeben sich 12 gleich große rückwärtige Felder zur Stabilisierung, um das Gewicht der schweren Leinwand und von den Böden zu tragen.

Die Leinwand habe ich, wie im Farbkonzept vorgesehen, verschieden farbig lasierend angelegt.

Abb. 5 strukturierender Farbhintergrund

Aus einem kombinierten Holz-und Pappwerkstoff wurden 3460 Buchstaben, Zahlen und Zeichen herausgeschnitten.Buchstabe für Buchstabe, Zahl für Zahl und Zeichen für Zeichen habe ich auf die Leinwand geklebt.

[…]

Meinem Entwurf folgend, deckte ich alle Namen, Daten und Zeichen mit den verschiedenen Böden ab.Farbpartikel und Farbsprengsel sind schon beim Auftrag mit eingearbeitet worden, sie begleiten die Farbgebung und Farbkennung für die Familien. Reste von Blattsilber, Blattgold und Farbsplitterungen wirken wie Spurensicherungen, ebenso Kratzer, Riefen und Schründe, die Engrammen gleich, seelische Narben assoziieren.Nach dem Trocknungsprozess habe ich Buchstaben für Buchstaben, Zahl für Zahl und Zeichen für Zeichen aus der Erde herausgebrochen.3460mal vor den Opfern als Zeugen, im stummen Dialog mit dem Werk und mit ihnen.“ 

Und an anderer Stelle beschreibt er seinen künstlerischen Prozess zusammenfassend so: „Ich wolltein einem Arbeitsprozess das nachvollziehen, was im NationalsozialismusGepflogenheit wurde: Jüdische Namen tilgen. Ichwählte eindeutige Arbeitsschritte. Namen und Daten der Opferwurden auf der Leinwand fixiert, mit Erde abgedeckt, nach demTrocknen waren die Buchstaben, Zeichen und Zahlen aus demGrund zu brechen, es blieben die Namensspuren, eingebettet inheimischer Erde.“

In inhaltlichem und materiellem Zusammenhang mit dem Gedenkfries steht der Bilderzyklus „Schweigespuren–Requiem in elf Bildern“, ebenfalls von Uwe Appold. Das zentrale Bild dieses Zyklus ‚Niemand bespricht unseren Staub‘ hängt dauerhaft gegenüber dem Gedenkfries und wirdflankiert von je zwei wechselnden Bildern aus dem Zyklus. Siehe dazu den gesonderten Beitrag auf unserer Homepage.

Uetzer Straße 25

Der Jüdische Friedhof in der Uetzer Straße

Der jüdische Friedhof in Burgdorf ist ein bleibendes Zeugnis der jüdischen Gemeinschaft Burgdorfs über drei Jahrhunderte hinweg, denn jüdische Gräber werden auf Ewigkeit angelegt und ihre Grabsteine geben Einblick in Biographien, Familien- und Gemeindeleben, die Stellung von Jüdinnen und Juden in der Gesellschaft, über den Prozess der allmählichen Integration in die Gesellschaft während des 19. Jahrhunderts und schließlich über das abrupte Ende des jüdischen Lebens durch Judenhass und Antisemitismus zur Zeit des Nationalsozialismus.

Abb. 1 Das 1881 errichtete Eingangstor des jüdischen Friedhofs
Abb. 2 Ältester lesbarer datierter Grabstein

Haus des Lebens“ (Beth Hachajim) – Dieser Name steht in Hebräisch auf dem linken Pfosten der Eingangspforte (Abb. 1). Ein Name voller Hoffnung. Der jüdische Friedhof soll für die Toten ein guter Ort sein, an dem sie eine würdige und dauerhafte Ruhestätte inmitten von Menschen ihres Volkes und Glaubens haben. „Friede wird sein auf euren Gräbern“ ist auf dem rechten Pfosten der Eingangspforte zu lesen. Aber in der Zeit des Nationalsozialismus wurden Grabsteine von Burgdorfer SA-Männern geschändet und zerstört und in den ersten Nachkriegsjahren wurden 47 Steine abtransportiert und als Baumaterial missbraucht. Heute ist der jüdische Friedhof ein wichtiges Kulturdenkmal, ein historischer Lernort und ein bleibender Ort der würdigen Erinnerung und Bewahrung der dort bestatteten Jüdinnen und Juden gemäß ihrem Glauben.

Im Jahr 1694 war der ersten jüdischen Familie, die in Burgdorf sesshaft werden durfte, gestattet worden, ein Kind an einem abgelegenen Ort, „Am Finkenherde“, zu begraben. Das ist der Ort, an dem heute der jüdische Friedhof an der Uetzer Straße zu finden ist. Der älteste lesbare Grabstein trägt die Jahreszahl 1750 (Abb. 2). Wie die meisten jüdischen Grabsteine beginnt seine Inschrift oben mit der Abkürzung für die Formel „Hier liegt begraben (pe´´nun)“, manchmal auch „Hier ruht (pe-tet)“ und wird abgeschlossen mit dem Wunsch „Es sei / seine (ihre) Seele / eingebunden / in das Bündel / des Lebens (tav´´nun´´zadi´´beth´´heh)“ nach 1. Samuel 25,29. Der Grabstein ist noch ganz auf Hebräisch verfasst, gibt die verwandtschaftlichen Beziehungen der Verstorbenen wieder und lobt sie als „wichtige und züchtige Frau“. Entsprechend dem guten Ruf der Verstorbenen ist er mit einer kleinen Krone verziert.

Der letzte Grabstein vor dem Ende der jüdischen Gemeinde ist der von Lina Rosenberg (Abb. 3). Bis zur erzwungen Aufgabe 1937 gehörte ihrer Familie das renommierte Textilgeschäft Rosenberg in der Marktstraße 11. Der hebräische Text lobt Lina Rosenberg ganz traditionell „als wichtige und gute Frau, die Gutes getan hat alle ihre Tage“. Weil sich ihre guten Taten nicht nur auf ihre Glaubensgenossen beschränkten, sondern ganz Burgdorf zugutekamen, wie z.B. die Suppenküche in den Hungerwintern gegen Ende und nach dem ersten Weltkrieg, wird ihr Lobpreis auf Deutsch noch einmal am Ende für alle lesbar wiederholt: „Sie war des Hauses Licht“.

Als Ausdruck ihrer noch jungen bürgerlichen Gleichstellung zogen 12 jüdische Männer aus Burgdorf für „Gott, Kaiser und Vaterland“ in den Ersten Weltkrieg, sechs von ihnen sind gefallen. Einer von ihnen ist Fritz Moosberg, der mit nur 21 Jahren am 07.12.1916 an der Westfront starb und dessen Leichnam offenbar nach Burgdorf überführt und auf dem hiesigen Friedhof bestattet wurde.

Abb. 3 Letzte Bestattung vor dem Ende der jüdischen Gemeinde Burgdorfs
Abb. 4 Grabmal für Fritz Moosberg und Zeitungsannonce anlässlich seiner Beisetzung

Die Burgdorfer Abteilung des Deutschen Kriegervereins ruft die Kameraden per Zeitungsannonce zur Teilnahme am Ehrengeleit für Fritz Moosberg auf. Die Palmblätter im Spitz des Grabmals sind üppig verschlungen und verzweigt, als ob das ewige Leben, das sie symbolisieren, dadurch für die Trauernden noch tröstend vermehrt werden könnte.

Unzählige Juden und Jüdinnen wurden im Nationalsozialismus vertrieben und ermordet. Sie haben kein Grab in heimatlicher Erde, meist nicht einmal ein Grab in der Fremde gefunden. Für Ihre Nachkommen sind die Gräber der Vorfahren deshalb besonders wichtig, wenn sie ihre Familiengeschichte für sich zurückgewinnen wollen.

Im Februar 2023 besuchten die Ur-Ur-Enkel David Cohns aus Argentinien dessen Grab in Burgdorf. David Cohn hat mit seinen vier Söhnen die große Schlachterei in der Gartenstraße 9 aufgebaut und betrieben. Vierzehn seiner 28 Nachkommen (Söhne, Töchter, Enkel, Urenkel), dazu 6 angeheiratet Angehörige wurden von den Nationalsozialisten ermordet. Sein Sohn Emil konnte mit Frau und vier Söhnen nach Argentinien entkommen.

Der Grabstein ist für David und seine zweite Frau Philippina errichtet und umfasst für beide die traditionelle Eulogie auf ihre Rechtschaffenheit. David wird als Hinweis auf seine Frömmigkeit als „Rabbi“ bezeichnet und ausdrücklich als Angehöriger der Gruppe der Kohanim ausgewiesen, denen bestimmte Aufgaben im Gottesdienst zukommen.

Abb. 5 Ur-Urenkel von David Cohn besuchen sein Grab
Abb. 6 Grab von Sara Cohn, der ersten Frau David Cohns

Das Grab von Sara Cohn (Abb. 6), Davids erster Frau und Mutter seiner Kinder, drückt den Verlust aus, den die Familie bei ihrem Tod empfunden hat: „Hier ruht meine innigst geliebte Frau, unsere unvergessliche Mutter“. Die bemerkenswerte Trauerrede ihres Sohns Hermann ist in einem Oktavheft von seiner Hand aufgeschrieben erhalten.

Zeugnis der Schändung des Burgdorfer jüdischen Friedhofs im Nationalsozialismus legt der Grabstein von Jenny Cohn ab (Abb. 7). Besonders von hinten ist die Bruchlinie deutlich zu erkennen. Als Werner Hermes, der Enkel Jennys, 1945 die Gräber seiner Vorfahren besuchte, fand er den Stein seiner Großmutter umgestürzt und zerbrochen vor und ließ ihn reparieren und wieder aufrichten. Auch die Steine von Ida Fels und Julius Simons weisen vergleichbare Bruchlinien auf und wurden repariert. Sockelnah findet sich auf dem Grabstein Jenny Cohns auch der Hinweis auf ihren Mann, Carl, der wie Fritz Moosberg 1916 an der Somme im Norden Frankreichs gefallen ist.

Abb. 7 Grabmal für Jenny Cohn mit Bruchlinie

Auch der im Ersten Weltkrieg an der Westfront gefallene Fritz Meyer ist auf einem Familiengrabstein erinnert (Abb. 8). Sein Vater Carl, wohlhabender Burgdorfer Besitzer der „Ölfabrik“ für Mohn- und Rapsöl am heutigen Standort des Raiffeisenmarktes, und sein Bruder Otto sind hier bestattet. Der recht monumentale Stein und die Inschrift, die nur auf Deutsch ohne starken religiösen Bezug formuliert ist, sind Ausdruck des wirtschaftlichen Erfolgs Carl Meyers und seiner Assimilation an die Mehrheitsgesellschaft.

Monumental ist auch der Grabstein für Selma Hirschfeld geb. Auerhann, auf dem auch an ihren Mann Hermann erinnert wird, der am 15. Dezember 1941 70jährig von Hannover aus nach Riga deportiert wurde und dort umgekommen ist.

Abb. 8 Grabmal für Carl, Otto und Fritz Meyer
Abb. 9 Grabmal für Hermann und Selma Hirschfeld

Hermann und Selma lebten in Lehrte. Sie sind die Eltern des Theatermachers Kurt Hirschfeld. Sicherlich aus Unkenntnis sowohl bei den Beauftragenden als auch bei dem Steinmetz wurde für Hermann dieselbe hebräische Inschrift verwendet wie für seine Frau: „Hier liegt begraben ein tüchtiges Weib, Frau Zierl, Tochter von Rabbi Ruv dem Levi. Ihre Wege sind liebliche Wege.“

Viele Grabsteine in Burgdorf sind sehr schlicht und schmucklos. Einige tragen eine dezente florale Symbolik v.a. in Form von Palmzweigen oder Rosen und anderen Blumen. Nur ein Mal findet sich das Symbol der segnenden Hände auf einem Stein für einen Angehörigen der Kohanim, zwei Mal die Levitenkanne mit Wasserschale und einige Male die Krone. Das Grabsymbol der gespreizten Priesterhände weist auf die Abkunft der Kohanim aus dem Geschlecht Aarons hin. Diese waren im Tempel für die Darbringung der Opfer zuständig und sprachen den sogn. Priestersegen über das Volk. Die Leviten waren im Tempel unter anderem für die kultische Reinheit zuständig und wuschen den Priestern vor dem Opferkult die Hände. Dafür steht auf den Grabsteinen das Symbol der Kanne. Die Krone bezieht sich auf den guten Ruf der Verstorbenen, nach den Sprüchen der Väter 4,13: »Es gibt drei Kronen, die Krone der Tora, des Priestertums, des Königtums – aber die des guten Namens überragt alle drei.«

Abb. 10 Spezifisch jüdische Grabsymbole: segnende Hände, Wasserkanne, Krone

Marktstraße 56

Marktstraße 56

Rosalie Jacobsohn geb. Behr vor dem Geschäft in der Marktstraße 56
Georg Jacobsohn mit Kameraden der Feuerwehr 1911 in Turin

Georg Jacobsohn, Rosalie Jacobsohn geb. Behr, Alfred Jacobsohn, Eva Johanna geb. Stern und Kind ohne Namen

Georg Jacobsohn stammte aus Preußisch Friedland in Pommern, wo er am 9. November 1872 geboren wurde. 1895 kam er nach Burgdorf. Seit 1901 führte er zusammen mit seiner Frau Rosalie geb. Behr im Haus Marktstraße 56 ein Schuh- und Textilgeschäft. 

 Georg Jacobsohn kämpfte als Frontsoldat im Ersten Weltkrieg „für Gott, Kaiser und Vaterland“. Er war Mitbegründer des Verkehrs- und Verschönerungsvereins. Noch 1933 war er Rechnungsprüfer im Schützen-Corps, eine absolute Vertrauensstellung, in die er 1928 erstmals gewählt wurde.  1905 trat er der Freiwilligen Feuerwehr in Burgdorf bei. Sechs Jahre später war er einer der sieben Kameraden, die zur Weltausstellung nach Turin fuhren, um an den dort stattfindenden Feuerwehr-Wettbewerben teilzunehmen. Von dieser Reise stammen die zwei einzigen Bilder, die von ihm erhalten sind. Die sieben Kameraden gewannen als einzige deutsche Freiwillige Feuerwehr einen Ehrenpreis. 

 In den 1920ern war Georg Jacobsohn Gruppenführer an der Handdruckspritze. Noch 1931 wurde er zum Adjutanten der Feuerwehrführung vorgeschlagen und bestätigt. Damit gehörte er neben dem Hauptmann Wilhelm Lüders und seinem Stellvertreter August Geissler zur obersten Führungsebene der Burgdorfer Feuerwehr. Im Jahr 1933 wurde sein Name im Beitragsbuch der Feuerwehr gestrichen und vermerkt: „ausgetreten 1. September 1933“. Nach der Machtergreifung im Januar desselben Jahres wurden die Feuerwehren nach und nach zu straff geführten Polizeigruppen umgestaltet und auf Luftschutzaufgaben ausgerichtet. In einer vergebenen Mustersatzung, die am 15.01.1934 in Burgdorf angenommen wurde, wurden nicht-arische Mitglieder ausgeschlossen. Wie Georg Jacobsohn kamen viele jüdische Kameraden dieser Demütigung durch einen freiwilligen Austritt zuvor. 

 1902 kamen der Sohn Hermann und 1906 dann Alfred zur Welt. Hermann machte eine kaufmännische Ausbildung und arbeitete in verschiedenen großen Kaufhäusern (Karstadt, Tietze (später Kaufhof), Wronker (später Hansa), Alsberg) in der Teppich- und Gardinenabteilung in Hannover, Hamburg, Frankfurt am Main und anderswo. Ende November 1933 wurde er aus rassischen Gründen entlassen: „Am 21. November 1933 musste ich aus der Firma Wronker ausscheiden, indem mir mitgeteilt wurde, es sei im 3. Reich nicht möglich, dass ein Jude Abteilungsleiter bleibe und über das arische Personal herrsche!“ schrieb er später. 1935 emigrierte er nach Frankreich, schlug sich dort mehr recht als schlecht als Hauslehrer und Student durch, bis er 1937 Hilde Sommer heiratete und nach Straßburg zog. Die jungen Eheleute wurden von den Schwiegereltern unterstützt, und Hermann, der sich jetzt Armand Jacobson nannte, half dem Schwiegervater, der als Vertreter arbeitete. Mit Kriegsausbruch trat er der Fremdenlegion bei, um der Internierung durch die Franzosen zu entgehen, und wurde bis 1946 in Übersee eingesetzt. Sein Name wird in Frankreich in den Listen der militärischen Résistance geführt (Sérvice Historique de la Défense, Dossiers administratifs de résistantes et résistants, GR 16P 303319). 

Wahl Georg Jacobsohns zum Adjutanten, 1931
Alfred Jacobsohn und Eva Johanna geb. Stern

Alfred Jacobsohn war Verkäufer beim Warenhaus Sternheim & Emanuel in Hannover, Große Packhofstraße. Auch er wurde aus Gründen der Rasse Mitte 1933 entlassen. Er kehrte deshalb nach Burgdorf zurück und arbeitete im väterlichen Geschäft gegen ein Taschengeld mit. Nach dem Boykottaufruf 1933 verschlechterte sich auch die wirtschaftliche Lage der Jacobsohns drastisch. Augenzeugen berichten, dass Burgdorfer SA-Leute bei Jacobsohns Scheiben eingeschlagen, die Familie ins Schlafzimmer gesperrt und den Laden ausgeräumt hätten. Besonders begehrt seien Lackschuhe gewesen. Im Gefolge der SA wären auch andere Burgdorfer eingedrungen und hätten im Wohnzimmer Silber gestohlen. Im Mai 1937 übernahm Friedrich Fehling den Laden. Georg, Rosalie und Alfred zogen nach Hannover in die Podbielskistraße 339. In der Hannoveraner Zeit lebten Jacobsohns in großer wirtschaftlicher Not. Georg musste für einen Stundenlohn von 57 Pfennigen in einer Wäscherei arbeiten (entspricht einer heutigen (2022) Kaufkraft von ca. 2,40€). 1941 mussten sie zunächst alle in die Brühlstraße, dann in das Judenhaus in der Körnerstraße 24 umziehen. 

Am 15. Dezember 1941 wurden Georg, Rosalie, Alfred und Eva Johanna geb. Stern, die Alfred 1940 geheiratet hatte, nach Riga deportiert. Eva Johanna war bei der Deportation schwanger. Im Juli 1942 schrieb Margarethe Cohn aus Riga: „Hilde [Margarethes 12-jährige Tochter] fährt immer Alfreds Jungen spazieren, er ist zehn Wochen alt. Alfred ist aber augenblicklich nicht hier, er ist schon ein halbes Jahr fort. Er hat den Jungen noch nicht gesehen.“ Der Name dieses Kindes ist unbekannt. Alfred und Eva Johanna, die Eltern des „Kindes ohne Namen“, wurden am 1. Oktober 1944 nach Stutthof verlegt. Dort wurden beide umgebracht, Alfred noch 1944, Eva am 15. Januar 1945. Die Großeltern Georg und Rosalie kamen zusammen mit ihrem Enkelkind in Riga um. Ihre Todesdaten sind nicht bekannt. 

Unterschrift in den Entschädigungsakten; in der Druckschrift-Version der Unterschrift hat sich ein Fehler eingeschlichen (HStA. Nds. 110 W Acc. 14199 Nr. 110597)

Hannoversche Neustadt 12

Hannoversche Neustadt 12

Hermann Koninski, Louise geb. Sarnow (re), Horst (li) und Walter (re)
Quelle: Staatsarchiv Hamburg 352-11_44240 Blatt 63

Hermann Koninsky

Hermann Koninsky wurde am 21. Juni 1885 in Burgdorf als siebentes Kind der Eheleute Lesser Koninsky und Dorette geb. Philipp geboren. Die Eltern waren Mitte oder Ende der 1870er Jahre von Gommern nach Burgdorf gezogen. Lesser Koninsky muss in Burgdorf ein angesehener und erfolgreicher Kaufmann und Bürger gewesen sein. Er und sein Sohn Hermann waren aktive Mitglieder im Schützenverein der Stadt. Hermann gehörte bereits vor dem Ersten Weltkrieg zum „Club Germania“. Auf mehreren Fotos aus jener Zeit ist er in historischen Uniformen zu sehen.  

Hermann Koninsky, Berufsangaben Schlosser und Kaufmann, heiratete am 4. Juni 1920 in Hannover Louise Sarnow aus Hameln. Louise hatte keine jüdischen Vorfahren. Auf ihren Wunsch hin wurde der gemeinsame Nachname in „Koninski“ geändert.  Am 23. Februar 1921 wurde in Hannover der Sohn Walter geboren. Im November 1925 zog die kleine Familie nach Burgdorf und wohnte bei Hermanns Eltern. Am 28. Oktober 1926 wurde der zweite Sohn Horst in Burgdorf geboren. 1929 zog Hermann mit Frau und Sohn Horst nach Lehrte. Wann er mit seiner Familie Lehrte verlassen hat, ist unbekannt. Sie wohnten später in Hamburg. 

Louise ließ sich Ende der 20er-/Anfang der 30er-Jahre von Hermann scheiden. Später erzählte sie gerne, dass sie ihre Kinder vor dem aufkommenden Nationalsozialismus schützen wollte. Das ging so weit, dass sie ihren Sohn Walter zur HJ schickte. Zu dieser Zeit besuchte Walter noch regelmäßig seinen Vater Hermann. Zu diesen Besuchen zog ihm seine Mutter jedoch die HJ-Uniform an. Als „Halbjude“ wurde er nach der Machtübernahme der Nazis 1933 freilich aus der HJ ausgeschlossen, worunter er sehr litt. 

Im September 1936 oder April 1937 ist Hermann Koninski von Hamburg „unbekannt verzogen“ und auch über seinen weiteren Aufenthalt in Deutschland lässt sich nicht Sicheres feststellen. Nach Auskunft des Suchdiensts des Internationalen Roten Kreuzes ist er vermutlich von Kassel aus im Juni 1942 mit unbekanntem Ziel deportiert worden. Er gilt als „im Osten verschollen“. 

Walter und Horst wurden als „Halbjuden“ zum Arbeitsdienst eingezogen und waren während des Krieges auf dem Werksgelände der Gummiwarenfabrik Phoenix AG in Hamburg-Harburg (1.4.1943-30.4.1944) und später bei der Bauverwaltung (1.4.1944-30.4.1945), Abteilung Aufräumungsamt, für Bergungs- und Trümmerarbeiten, dienstverpflichtet. Während der Bombenangriffe durften sie nicht in den Bunkern Schutz suchen, in denen sich „Arier“ aufhielten. Da Walter sich für seinen kleinen Bruder verantwortlich fühlte, war dies eine schlimme Zeit für ihn. Zumal immer die Angst da war, dass auch „Halbjuden“ deportiert würden. Sowohl Walter als auch Horst spielten beim Hamburger Sportverein Handball. Walter sagte immer, dass er und Horst es einflussreichen Vereinskameraden zu verdanken hätten, dass sie die Kriegsjahre einigermaßen überlebten. Walter und Horst lernten beide Außenhandelskaufmann. Nach dem Krieg waren sie erst als Angestellte tätig, später machten sich beide selbständig. Man kann sagen, dass sie erfolgreiche Kaufleute waren. 

Walter Koninski jun., Walters Sohn, berichtete in einem Brief vom 28.09.2010 an Rudolf Bembenneck, was ihm seine Großmutter Louise über den Vater und Großvater erzählt hatte, denn: „Mein Vater hat nie über seinen Vater gesprochen. […] Ich bedaure es sehr, dass er sich uns Kindern gegenüber nie zu dem jüdischen Teil seiner Eltern geäußert hat.“

Quelle: Staatsarchiv Hamburg 352-11_44240 Blatt 63

Wallgartenstraße 38

Wallgartenstraße 38

Walter, Lotte, Gertrud, Berta Cohn und Heinz
Emil, Nathan Carl, Julius und Hermann Cohn

Emil Cohn, Berta Cohn geb. Cohn, Walter Cohn, Lotte Cohn, Heinz Cohn, Werner Cohn, Rudolf Cohn

Emil Cohn, geb. am 28.12.1885, hatte mit seiner Frau Berta geb. Cohn (geb. 20.07.1884) aus Duderstadt sieben Kinder. Eines der Kinder starb 1920 schon am vierten Lebenstag. Die anderen sind Walter (geb. 11.01.1911), Gertrud (geb. 26.02.1913), Lotte (geb. 20.01.1914), Heinz (geb. 25.05.1915 in Blomberg/ Lippe), Werner (geb. 27.10.1922) und Rudolf (geb. 21.03.1926). 

Emil selbst war der jüngste der vier Söhne von Schlachtermeister David Cohn und seiner ersten Frau Sarah geb. Meyer. Die Familie lebte in der Feldstraße 7 bis Vater David 1909 in der Gartenstraße 9 eine großes Wohn- und Geschäftshaus errichtete.

Im September 1910 legte Emil seine Schlachtermeisterprüfung in Celle ab und war bis 1914 zusammen mit seinem Bruder Hermann in dem vom Vater David übertragenen Geschäft in der Gartenstraße 9 tätig. Nach dem er für seine Schlachterei in Blomberg (Kreis Lippe) Konkurs anmelden musste, ließ sich Emil nach Kriegsende 1918 wieder in Burgdorf als Fleischer nieder und betrieb Geschäfte an verschiedenen Orten in der Stadt, zuletzt in der Wallgartenstraße 38. Im Sommer 1929 musste er den Betrieb dort aus wirtschaftlichen Gründen aufgeben, das Grundstück wurde an den Pferdehändler Georg Wöhler verkauft und Emil zog mit der Familie nach Hannover. Er arbeitete aber noch bis 1930 in Burgdorf wieder im Betrieb seines Bruders Hermann, ab dann bis 1935 im En-gros-Schlachtbetrieb seines Sohnes Walter in Hannover und zum Schluss im Straßenbau und in der Landwirtschaft. 

 

Am 20. oder 22. Januar 1941 konnte Emil Cohn mit seiner Frau und den vier Söhnen nach Argentinien ausreisen, nachdem verschiedene vorausgegangen Anläufe zur Auswanderung gescheitert waren. Ihr Schiff, die „Cabo de Buena Esperanza – Kap der guten Hoffnung“ erreichte Argentinien am 3. Mai 1941. Jeder Person war es erlaubt nur 50 kg Handgepäck und 50 kg Frachtgut aufzugeben. Der Obergerichtsvollzieher, der das Gepäck vor der Abfahrt kontrollierte, konstatierte: „Ich habe mir die gesamten Umzugsgüter genau angesehen. Es handelt sich hier um einfache Leute, die nichts Besonderes mitnehmen. Wertvolle Objekte sind nicht darunter, alles einfache Kleidung und Wäsche“. Die Ausreise zehrte Emils verbliebenes Vermögen vollständig auf und wurde zusätzlich von der Reichsvereinigung der Juden und der Jewish Colonization Association in Buenos Aires mitfinanziert. Diese Organisation verpachtete Land zur Bewirtschaftung an Immigranten. Bei seinem Besuch 1979 in der alten Heimat berichtete Sohn Walter, dass der Anfang in Argentinien äußerst entbehrungsreich gewesen sei. Das ihnen zur landwirtschaftlichen Nutzung zur Verfügung gestellte Areal in der Provinz Santa Fe bestand aus Ödland, das erst noch aus eigener Kraft kultiviert werden musste. Emil mit seinen 56 Jahren war den Strapazen dieser Arbeit in dem ungewohnten Klima nicht lange gewachsen und ab 1951 auf die Unterstützung seines Sohnes Rudolf angewiesen. 

Walter und Heinz fanden Arbeit in einer Fleischwarenfabrik in Mar del Plata südlich von Buenos Aires, zu deren Leiter Walter aufstieg und schließlich ihr Inhaber wurde. Später wurde Rudolf sein Partner und die Brüder betrieben das Geschäft gemeinsam. 

Emil und Bertas Tochter Lotte konnte im März 1939 nach Brighton, England, emigrieren, wo sie wie so viele andere Immigrantinnen als Dienstmädchen in einer jüdischen Familie arbeitete. Ihre Cousine Senta schrieb 1945 an Selma geb. Cohn und Friedel Hermes: „Lotti hat den Krieg gut überstanden und sich ein kleines Mädchen zugelegt, welches ungefähr vier Jahre alt ist.“ Mit ihrer Tochter Greta und ihrem aus Wien stammenden Mann zog sie im April 1953 weiter nach Toronto, Kanada, „auf der Suche nach einem besseren Leben. […] Und, wir haben in der Tat ein besseres Leben gehabt, ein viel besseres“, schrieb Greta 2006 an Rudolf Bembenneck.

Gertrud de Vries geb. Cohn, Adolph de Vries, Rita Ilse de Vries

Gertrud Cohn wurde am 26. Februar 1913 als Tochter von Schlachtermeister Emil Cohn und seiner Frau Berta in Burgdorf geboren.

Schon im Oktober 1933 emigrierte Gertrud nach Amsterdam und arbeitete dort als Haushaltshilfe. Bis 1939 war die Einreise in die Niederlande noch ohne Visum möglich. Aber ab 1935 wurde die Beschäftigung von Ausländern genehmigungspflichtig und nur erlaubt, wenn kein Niederländer für die freie Stelle zur Verfügung stand. Gertruds Schwester Lotte hatte sie dort Mitte der 1930iger Jahre für etwa 1 Jahr besucht, bevor sie selbst im März 1939 nach England ging. Lotte erzählte ihrer Tochter Greta später, dass Gertrud sehr gern in Holland gelebt hätte und deshalb nicht rechtzeitig von dort fortgegangen sei.

 Die große Zahl der ankommenden Immigranten aus Nazi-Deutschland nach 1933 und besonders nach 1938 wurde zur Weiterreise in andere Länder gedrängt. Die ortsansässige jüdische Gemeinschaft in den Niederlanden wurde mit der Betreuung der Flüchtlinge beauftragt, wobei der Staat Wert darauflegte, dass ihm durch die Flüchtlinge keine finanziellen Belastungen entstanden. Schon ab 1939 wurden Flüchtlinge in einem, unter jüdischer Verwaltung stehenden Lager, Westerbork, interniert.

Im Mai 1940 marschierten deutsche Truppen in den NL ein. Die Nationalsozialisten verschärften nach und nach ihr Vorgehen gegen die jüdische Bevölkerung unter Ausnutzung des sehr gut organisierten niederländischen Melderegisters.

Am 3. Dezember 1941 heiratete Gertrud Adolph de Vries, geboren am 2. Juni 1904. Die gemeinsame Tochter Rita Ilse kam am 11. Oktober 1942 zur Welt. Schon im Sommer desselben Jahres hatten die ersten Deportationszüge die NL verlassen. 

Berta und Emil Cohn mit Enkel- tochter Adela auf der Farm in Monigotes
Lotte Cohn in London 1945
Gertud Cohn in Holland in den 1930igern

Die kleine Familie lebte zuletzt unter beengten Verhältnissen zusammen mit den ebenfalls aus Deutschland emigrierten Mitgliedern der Familie Polak in der Dongestraat 1 I im Süden Amsterdams. Adolph musste sich als Lumpensortierer verdingen, da er nicht mehr in seinem alten Beruf (welchem?) arbeiten durfte/konnte. 

Es sind zwei Briefe erhalten, die Gertrud aus Amsterdam an ihre Eltern Emil und Berta schrieb, die mit ihren vier Söhnen im Januar 1941 nach Argentinien hatten emigrieren können. Im Brief vom 7. Oktober 1942 freute sich Gertrud auf die baldige Geburt ihres Kindes. Im Vordergrund stand jedoch der dringende Wunsch an die Eltern, ein Visum für die Ausreise nach Argentinien zu besorgen: „Wir wünschen uns nur eins, so schnell wie möglich auch nachzukommen. Besorgt uns so schnell wie möglich dringend ein Visum. […] lasst auch bitte Eurerseits nichts unversucht und lasst bitte keine Mühe für uns zu viel sein. Wie brennend wichtig ein Visum für uns ist und was für uns davon abhängt könnt ihr euch wohl denken.“ Einen Monat später berichtete sie von Rita Ilses glücklicher Geburt und dass sie lange schwarze Haare hätte, in die die Schwestern im Krankenhaus schon ein rosa Schleifchen gebunden hätten.

In das Elternglück mischten sich die Sorge um die Zukunft, Berichte über die Verwandten, die in Riga umgekommen sind, über Inges Unfalltod in London und wieder die dringende Bitte um ein Visum oder ein vergleichbares Empfehlungsschreiben: „Ihr könnt euch ja vorstellen, wie viel uns daran liegt, gedeckt zu sein. Denn dann könnten wir vielleicht hierbleiben.“

Am 1. April 1943 wurde die Familie im Konzentrationslager Vught interniert. Der letzte erhaltene Hilferuf ist eine Karte des niederländischen Roten Kreuzes vom 18. Mai 1943 aus dem Lager Vught: „DRINGENDST BRAUCHEN VISUM. ADOLPH. GERTRUD UND UNSERE RITA ILSE (GEB. 11.10.1942). ALLE[N] GLÜCKLICH GESUND. ADRESSE. LAGER VUGHT. HOLLAND. VIELE GRÜSSE. GERTRUD. RITA UND ADOLPH DE VRIES.“

Im Juli wurde die kleine Familie nach Westerbork und von da aus weiter nach Sobibor deportiert. Am Tag ihrer Ankunft dort, am 23. Juli 1943, wurden alle drei ermordet. Der letzte Stempel auf der umherirrenden Karte mit dem Hilferuf der Familie de Vries aus Vught stammt vom 5. April 1944. Da war die kleine Familie bereits fast ein Jahr tot.

deVries Rot Kreuz-Karte 18.05.1943

Gartenstraße 44

Gartenstraße 44

Margarethe Cohn
Heinz Cohn Patientenbuch Neuerkerode

Margarethe Cohn, Heinz Cohn und Hildegard Cohn

Margarethe Cohn wurde am 2. August 1905 in Burgdorf im Haus ihrer Eltern in der Gartenstraße 44 geboren. Ihre Familie lebte seit Generationen in der Stadt. Ihr Vater, Nathan Carl Cohn, Jahrgang 1876, fiel 1916 in Frankreich, „für Kaiser und Vaterland“, wie es in der Urkunde des Heeres hieß. Margarethe war von Beruf Kindergärtnerin. Aber sie fand keine Anstellung in einer Einrichtung. Vor allem, weil sie Jüdin war, aber auch weil die Arbeitslosigkeit zur Zeit der Weimarer Republik groß war. Also musste sie sich bei betuchten Familien als Kinderfräulein verdingen. In Minden, in Niedermarsberg, Berlin, Holzminden, immer wieder unterbrochen von Arbeitslosigkeit. In ihrer Berliner Zeit kam ihr Sohn Heinz am 23. Dezember 1927 zur Welt. Er war ein uneheliches Kind. Heinz war geistig behindert. Er lebte seit Juli 1931in den Neuerkeröder Anstalten bei Braunschweig. 

Anfang September 1940 erhielt die Anstaltsleitung einen Erlass des Reichsministers des Innern, demzufolge alle psychisch kranken „Volljuden“, so der Nazijargon, in eine Sammelanstalt gebracht werden sollten. Der Leiter der Neuerkeröder Anstalten zu dieser Zeit, Pastor Ludwig Beyer, stand der „völkischen Idee grundsätzlich positiv gegenüber“ (Stephan Querfurth (2008): Ausgrenzung und Vernichtung. Neuerkeröder Blätter 73, S.7). Ohne Not veranlasste er seinen Mitarbeiter, Dr. jur. Wilhelm Hille, „das Staatsministerium um Weisung darüber [zu] ersuch[en], ob Heinz Cohn mit nach Wunstorf zu „verlegen“ sei. Die Verlegungsanordnung des RMdI [Reichsministerium des Inneren] bot zu dieser Rückfrage an sich keinen Anlass. Neuerkerode war nicht dazu verpflichtet, den Halbjuden Heinz Cohn zu melden. Marquordt [vom Staatsministerium in Braunschweig] ordnete auf Hilles Anfrage hin die „Verlegung“ an.“ (J. Klieme (1997): Ausgrenzung aus der NS-Volksgemeinschaft. Die Neuerkeröder Anstalten in der Zeit des Nationalsozialismus 1933-1945, S. 199). 

Am 21. September 1940 wurde Heinz zunächst von Neuerkerode nach Wunstorf und dann am 27. September von der Landesheilanstalt Wunstorf aus in die Tötungsanstalt Brandenburg gebracht und am selben Tag ermordet. Eine Eingabe der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland, Bezirksstelle Hannover, vom 4. November, die darauf abzielte, dass Heinz „Mischling“ sei (der Vater ist „Arier“) und deshalb nicht dem Erlass des Reichsministeriums des Inneren unterliege, sowie in Neuerkerode evangelisch erzogen sei, konnte ihn nicht mehr retten. 

Margarethe wohnte zusammen mit ihrer am 23. Juli 1930 geborenen Tochter Hildegard bei ihrer Mutter Jenny geb. Hirschhahn. Auch Hildegard war ein uneheliches Kind. Nach dem Tod der Mutter Jenny am 9. Juni 1935 zog Margarethe im September nach Hannover und arbeitete als Putzfrau, später als Arbeiterin bei der Firma Pfeiffer & Bedrich in der Kohlrauschstraße. Hilde brachte sie bei Verwandten, dem Vetter ihres Vaters, Hermann Cohn, und seiner Frau Dora Lina geb. Oschmann in Hannover unter. Nach der Reichspogromnacht musste Hilde die Bürgerschule 26 in Hannover verlassen. Zuletzt waren Margarethe und Hilde gezwungen, zusammen mit 125 anderen Menschen in den 11 Räumen des Gemeindehauses der jüdischen Gemeinde in der Lützowstraße 3, das als eines der 15 sogn. „Judenhäuser“ der Stadt diente, zu leben. Am 15. Dezember 1941 wurden sie von Ahlem aus nach Riga deportiert und kamen dort um. 

Hilde Cohn Schulausschluss

Uetzer Straße 12

Uetzer Straße 12

Julius Cohn
Ruth Cohn ganz links und Gerda Eschemann mit Zoepfen hinten Gemeindehaus St.Pankratius ca. 1932

Julius Cohn, Elsa Cohn geb. Rose und Arnold Cohn

Julius Cohn, 1884 in Burgdorf geboren, stammte aus einer alten Burgdorfer Familie, die hier schon vor 1800 ansässig war. Als Viehhändler war er ein überaus beliebter, angesehener und erfolgreicher Geschäftsmann und bis 1935 Kassenführer der Viehhändler- und Schlachtervereinigung. In den Akten der Gestapo Lüneburg findet sich ein bemerkenswertes Dokument (Hann. 180 Lün. Acc. 3/030 Nr. 268). Der Leiter der Staatspolizeistelle in Harburg-Wilhelmsburg beantwortete im November 1935 ein Schreiben des Reichswirtschaftsministeriums, in dem der Verdacht geäußert worden war, jüdische Viehhändler würden überhöhte Preise zahlen, um die Fleischpreise nach oben zu treiben und so Unruhe und Unzufriedenheit in die Bevölkerung zu tragen. Das sei vermutlich ein Angriff des Judentums auf das Deutsche Reich. Im Antwortschreiben der Staatspolizei vom 26.11.1935 hieß es: „Im Allgemeinen sind die Juden im Viehhandel im hiesigen Staatspolizeibezirk nicht in Erscheinung getreten. Lediglich im Kreis Burgdorf liegt der Viehhandel zum größten Teil in den Händen des jüdischen Viehhändlers Cohn aus Burgdorf. Die Schlachtereibetriebe dieses Kreises empfinden diesen Juden als wenig angenehme Konkurrenz, da er ihnen angeblich das Vieh, auf das sie selbst handeln, wegkäuft. Ob Cohn dies, wie behauptet wird, durch höhere Preisangebote erreicht, erscheint jedoch zweifelhaft. Zum großen Teil ist es wohl darauf zurückzuführen, dass die Bauern, die seit Jahren mit dem Juden gehandelt haben und nach den Äußerungen stets gut von ihm behandelt worden sind, ihr Vieh gewohnheitsmäßig weiter an ihn absetzen.“ Im Ersten Weltkrieg war Julius Marinesoldat, in Burgdorf geachtetes Mitglied der Feuerwehr und des Schützenvereins. Auch in Friedenszeiten präsentierte er sich noch gerne in seiner Reservistenuniform.

Elsa Cohn geb. Rose mit Ruth und Inge ca. 1923

Julius und seine Frau EIsa geb. Rose hatten drei Kinder. Ruth nahm sich 1937 mit 19 Jahren das Leben. Die näheren Umstände ihres Suizids sind nicht bekannt, aber vermutlich steht er im Zusammenhang mit der Verfolgung jüdischer Menschen im Nationalsozialismus, und ihr Name wurde in das „Gedenkbuch für die Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933–1945“ aufgenommen. Inge, Jahrgang 1921, konnte 1939 nach London emigrieren und ist dort im Mai 1942 nach einem epileptischen Anfall in der Badewanne ertrunken. Arnold, 1924 als jüngstes Kind geboren, war Sportler, leidenschaftlicher Fußballer. Er konnte nicht begreifen, dass er plötzlich nicht mehr in der Mannschaft mitspielen durfte. Arnold wollte dazugehören. Er wollte Mitglied der Hitlerjugend werden. Altersgenossen erzählten, dass der Lehrer Otto von Hinüber ihm zu erklären versuchte, warum das nicht ginge. Ohne Erfolg. Wenn Arnold von seiner Lehrstelle als Tapezierer in Hannover vom Bahnhof her über den Kirchplatz zur Uetzer Straße nach Hause wollte, musste er buchstäblich Spießrutenlaufen. Er wurde durch die Reihen der Hitlerjugend getrieben und jeder versuchte, ihm in den Hintern zu treten. Arnold wurde zusammen mit den Eltern am 6. Dezember 1941 von Hamburg aus nach Riga deportiert. Nachbarn aus der Uetzer Straße haben berichtet, dass Elsa Cohn schrecklich geschrien habe, als die Familie vier Tage vorher abgeholt wurde. Julius und Elsa wurden in Riga ermordet, vermutlich Anfang 1942. Arnold wurde möglicherweise später noch von Burgdorfern, die als Soldaten an der Ostfront waren, bei der Zwangsarbeit gesehen. Einige berichteten, dass sie Zeugen wurden, wie Arnold von einem SS-Wachmann erschossen wurde, als er sie erkannte und auf sie zugehen wollte.

Julius Cohn Kennkarte
Elsa Cohn geb. Rose Kennkarte
Arnold Cohn Kennkarte

Poststraße 1

Poststraße 1

Geschäft Moosberg

Emilie Neuhaus geb. Moosberg und Clara Palmbaum geb. Moosberg

Sally Levy Moosberg aus Bückeburg erwarb 1858 das Haus Poststraße 1 von Getreidehändler Heinrich Natje und eröffnete ein Manufakturwarengeschäft. Ein Jahr später heiratete er Friederike, genannt Riekchen, Salberg aus Brakel bei Paderborn. Die Eheleute hatten vier Kinder: Louis, Emilie, Clara (Klara) und Moritz.

Die Tochter Emilie wurde am 5. Februar 1863 in Burgdorf geboren. Im Jahr 1892 heiratete sie in Burgdorf den Kaufmann Michael (Moritz) Neuhaus aus Herleshausen. Moritz Neuhaus war viele Jahre Gemeindeältester der jüdischen Gemeinde Herleshausen und leitete dort die Getreide-, Futter- und Düngemittelfirma seines Vaters Jakob. Als Emilie zusammen mit ihrem Mann am 7. September 1942 nach Theresienstadt deportiert wurde, war sie fast 80 Jahre alt, ihr Mann 82 Jahre. Bereits am 11. Oktober 1942 ist Emilie dort ums Leben gekommen. Ihr Mann war zwei Tage vorher ermordet worden. Ihr Sohn Julius (geb. 1893) nahm als Kriegsfreiwilliger am Ersten Weltkrieg teil. Nach dem Krieg heiratete er eine Osnabrücker Katholikin, Wilhelmine Weber, mit der er eine Tochter, Annemarie, hatte. Dank dieser sog. „privilegierten Mischehe“ wurde er nicht zusammen mit den Eltern deportiert

Moritz Neuhaus ca. 1888
Emilie Neuhaus geb. Moosberg ca. 1888

Louis Moosberg, Emilies Bruder, war das älteste Kind von Sally und Riekchen Moosberg. Er wurde 1860 in Burgdorf geboren. Ab 1894 führte er das Textilgeschäft des Vaters selbständig. Er war verheiratet mit Alma Meyerstein aus Hannover. Das Ehepaar hatte drei Kinder. Fritz, Jurastudent, Vizefeldwebel und Träger des EK II, fiel 1916 in Frankreich. Änne, die jüngste Tochter, konnte Anfang 1939 nach London emigrieren. Clara, geboren am 8. August 1896 in Burgdorf, heiratete im Juni 1921 in Burgdorf den Kaufmann Julius Palmbaum, der in Hildesheim eine Fell- und Darm-Großhandlung betrieb.

Moosberg Fritz Clara und Änne
Dachboden des ehem. Hauses Sannemann Fritz-Clara-Änne Moosberg Menge verarbeiteter Bettfedern 20 Sep. 1904
Fritz Moosberg Grabstein jüd. Friedhof Uetzer Str.
Hinten Clara geb. Moosberg und Juliurs Palmbaum Vorne Fritz Großeltern Julie und Phillip Palmbaum Kurt ca. 1927
Hinten Änne Moosberg Clara Moosberg Minna Ziesenis Berta Worthmann Unten-Martha Meyer-Ziesenis Kurt Meyer Tochter von Berta Worthmann Hans-Otto Klauke Martha Klauke 1925

Das Ehepaar Palmbaum wurde zusammen mit dem 1924 geborenen Sohn Kurt am 1. April 1942 nach Warschau deportiert. Die letzte Nachricht ist eine Rot-Kreuz-Karte, die Anfang 1943 geschrieben wurde. Als im April und Mai 1943 der Aufstand des jüdischen Widerstandes im Warschauer Ghetto von der SS blutig niedergeschlagen wurde, sind alle drei ums Leben gekommen.

Ihr älterer Sohn Fritz, geboren 1922, musste 1938 die Oberrealschule Hildesheim verlassen. Als 16-Jähriger wanderte er mit einem Einreisevisum des Reichsbund jüdischer Frontkämpfer, von denen 200 an Söhne von Mitgliedern vergeben wurden, allein nach Australien aus. In Australien wurde aus Fritz Palmbaum Fred Palmer.

Das Manufakturwarengeschäft (Herren- und Damenstoffe; Federbetten) Moosberg bestand aus dem Ladengeschäft in Burgdorf, aber auch aus einem Reisegeschäft mit mehreren reisenden Angestellten. Moosberg versorgte die Mitglieder des Schützenvereins mit den neuesten Uniformmodellen „und in erstklassiger Qualität“ wie es in mehreren Annoncen hieß. Vor allem aber verkaufte er auf den Bauernhöfen im Umland die Wäscheaussteuer für die Töchter. Die Familie konnte das gut angesehene Geschäft bis Ende Juli 1935 halten. Schon ab 1934 war es NSDAP-Mitgliedern verboten, bei Moosbergs zu kaufen. Da die Partei gegenüber im damaligen Gasthaus Wiesener ihre Zentrale hatte, standen Kunden unter ständiger Beobachtung und wurden mit antisemitischen Zurufen bedroht. Irgendwann blieben selbst die treuesten Kunden aus und das Geschäft, das drei Generationen lang von den Moosbergs betrieben worden war, wurde Anfang 1936 an Friedrich Fehling verpachtet. Fehling zog dann am 1. September 1937 in ein anderes „arisiertes“ Geschäft (Schuhgeschäft Jacobsohn) in der Marktstraße 56 um.

Ännes Eltern Louis und Alma waren bereits im April 1937 nach Hannover gezogen. Nachdem das Haus einige Zeit leer gestanden hatte, musste Änne Haus und Grundstück im November 1937 an Carl Sannemann verkaufen. Alma starb im Dezember 1941 und Louis im März 1942 im Altersheim des Israelitischen Krankenhauses in der Ellernstraße in Hannover.

Änne (geb. 1899) heiratete 1944 in London Max Heimann [1], der jedoch schon nach zweijähriger Ehe starb. Während die Familie Moosberg in Burgdorf selbst Hausangestellte hatte, musste sich Änne im Exil nun ihrerseits als Hausmädchen verdingen, was sie nicht ohne Bitterkeit in ihrem Wiedergutmachungsantrag bemerkte.

[1] Die Ehemänner von Änne Moosberg und ihrer Tante Clara heißen zufälligerweise beide Max Heimann

Clara, geboren 1865 in Burgdorf, die Tante von Änne verheiratete Heimann und von Clara verheiratete Palmbaum, begleitete ihren inzwischen verwitweten Vater Sally Moosberg 1895, als dieser nach Bückeburg verzog. In Lüdge heiratete sie Max Heimann, mit dem sie zwei Töchter hatte: Käthe (geb. 1899), die nach Palästina auswanderte, und Friederike (genannt Frieda, geb. 1898). Friederike heiratete später Gustav Italiener und kam mit ihm und den beiden Söhnen in Auschwitz um (s. Poststraße 2). Clara selbst starb im November 1938 (oder 1940?) in einem Altersheim in Hannover.

Moritz, das jüngste Kind von Sally und Riekchen, wurde 1868 in Burgdorf geboren und heiratete Ella Blank aus Witten. Moritz Moosberg lebte als Kaufmann im Ruhrgebiet und starb 1937. Sein Sohn Kurt (geb. 1903) war glühender Zionist und verkehrte 1926 bis 1928 in Hannover in dadaistischen Zirkeln um Kurt Schwitters. Er wanderte früh (1929) nach Palästina aus. Mit seiner Frau Rita geb. Levis zog er dort drei Töchter groß: Yael, Yehudit und Raya. 2018 besuchten Yael und Yehudit mit anderen Familienmitgliedern Burgdorf.

Clara Heimann geb. Moosberg Max Heimann ca. 1930
Vorne: Ruth Fricke-Weinel Yael Shechter Ehemann Mordechai Shechter Schwester Yehudit Biller geb. Shechter Mitte: Tochter Shybboleth Shechter Hinten: Olaf Weinel Brigitte Janssen 2018

Marktstraße 48

Marktstraße 48

Clara Aselmann Johanne Simon Rudolf Aselmann 1949
Meldekarte Johanne Simon Hannoversche Neustadt 4
SA und NSDAP marschieren durch die Marktstraße 1933

Familie Simon

Julie Simon wurde am 8. Januar 1869 in Lohne geboren. Seit April 1880 lebte sie mit den Eltern, Samuel-Andreas Simon und Jette geb. Silbermann, und vier Geschwistern in Burgdorf. Ihr Vater stammte aus Burgdorf. Zusammen mit ihren Schwestern Sophie (geb. 1866) und Johanne (geb. 1877) betrieb sie eine „Weißschneiderei und Putzmacherei“ in der Marktstraße 48. Ungezählte Kleider und Hüte stellten die drei her oder veränderten sie und trugen so zur Verschönerung der Burgdorfer Damenwelt bei. Sophie bot außerdem Nähkurse für junge Mädchen aus Burgdorf und Umgebung an.

Am 1. April 1933 standen SA-Männer vor den jüdischen Geschäften in der Marktstraße. Sie trugen Schilder „Kauft nicht bei Juden“ und „Die Juden sind unser Unglück“. Schon vor 1933 und erst recht danach marschierten Abteilungen der SA und der Hitlerjugend durch die Marktstraße und sangen unter anderem „Wenn das Judenblut vom Messer spritzt, ja dann geht es uns noch mal so gut“. Eine ganze Reihe derer, die dort marschierten, hatten Frauen, Schwestern oder Mütter, die bei den Schwestern Simon das Nähen gelernt und viele Jahre lang Nähzeug gekauft oder Hüte erstanden hatten. Die Einkünfte der Simon-Schwestern gingen durch den Boykott jüdischer Geschäfte dramatisch zurück. Im Dezember 1937 wurde ihnen der Mietvertrag für den Laden gekündigt. Sie lebten von einer kleinen Invalidenrente, die Johanne auf Grund einer Körperbehinderung bezog. Sie war als Kind gestürzt und hatte keine angemessene medizinische Versorgung bekommen. Davon hatte sie ein Hüftleiden zurückbehalten.

Sophie starb 1940 noch in Burgdorf. Am 1. April 1943 wurde Julie zusammen mit ihrer Schwester Johanne nach Hamburg ins Stadthaus, der Zentrale der Hamburger Gestapo verschleppt. Auf Johannes Meldekarte wurde dies euphemistisch als „evakuiert nach Hamburg“ vermerkt. Johanne und Julies Nichte Clara Aselmann geb. Simons berichtete, dass Polizist Meyer Johanne ins Gesicht geschlagen habe, als er sie zur Deportation abholte. Die Wohnung in der Hannoverschen Neustadt 4 war bereits geplündert, als das Finanzamt einige Tage später den Besitz der Schwestern zu Gunsten des Deutschen Reichs verkaufen wollte. Vermutlich über das Gefängnis Hamburg Fuhlsbüttel wurden beide am 5. Mai 1943 nach Theresienstadt deportiert. Dort starb Julie am 28. Juli 1944 an Entkräftung, zwei Tage bevor sie hätte nach Auschwitz transportiert werden sollen.

Julies Schwester Johanne wurde von der Transportliste nach Auschwitz wieder gestrichen, weil der Koch für die SS-Wachmannschaften sie als tüchtige Kartoffelschälerin nicht missen wollte. Sie hat überlebt und den Tod ihrer Schwester Julie bezeugen können. Am 3. August 1945 ist sie laut Meldekarte wieder nach Burgdorf „zugezogen vom Konzentrationslager Theresienstadt“.