Uetzer Straße 12

Uetzer Straße 12

Julius Cohn
Ruth Cohn ganz links und Gerda Eschemann mit Zoepfen hinten Gemeindehaus St.Pankratius ca. 1932

Julius Cohn, Elsa Cohn geb. Rose und Arnold Cohn

Julius Cohn, 1884 in Burgdorf geboren, stammte aus einer alten Burgdorfer Familie, die hier schon vor 1800 ansässig war. Als Viehhändler war er ein überaus beliebter, angesehener und erfolgreicher Geschäftsmann und bis 1935 Kassenführer der Viehhändler- und Schlachtervereinigung. In den Akten der Gestapo Lüneburg findet sich ein bemerkenswertes Dokument (Hann. 180 Lün. Acc. 3/030 Nr. 268). Der Leiter der Staatspolizeistelle in Harburg-Wilhelmsburg beantwortete im November 1935 ein Schreiben des Reichswirtschaftsministeriums, in dem der Verdacht geäußert worden war, jüdische Viehhändler würden überhöhte Preise zahlen, um die Fleischpreise nach oben zu treiben und so Unruhe und Unzufriedenheit in die Bevölkerung zu tragen. Das sei vermutlich ein Angriff des Judentums auf das Deutsche Reich. Im Antwortschreiben der Staatspolizei vom 26.11.1935 hieß es: „Im Allgemeinen sind die Juden im Viehhandel im hiesigen Staatspolizeibezirk nicht in Erscheinung getreten. Lediglich im Kreis Burgdorf liegt der Viehhandel zum größten Teil in den Händen des jüdischen Viehhändlers Cohn aus Burgdorf. Die Schlachtereibetriebe dieses Kreises empfinden diesen Juden als wenig angenehme Konkurrenz, da er ihnen angeblich das Vieh, auf das sie selbst handeln, wegkäuft. Ob Cohn dies, wie behauptet wird, durch höhere Preisangebote erreicht, erscheint jedoch zweifelhaft. Zum großen Teil ist es wohl darauf zurückzuführen, dass die Bauern, die seit Jahren mit dem Juden gehandelt haben und nach den Äußerungen stets gut von ihm behandelt worden sind, ihr Vieh gewohnheitsmäßig weiter an ihn absetzen.“ Im Ersten Weltkrieg war Julius Marinesoldat, in Burgdorf geachtetes Mitglied der Feuerwehr und des Schützenvereins. Auch in Friedenszeiten präsentierte er sich noch gerne in seiner Reservistenuniform.

Elsa Cohn geb. Rose mit Ruth und Inge ca. 1923

Julius und seine Frau EIsa geb. Rose hatten drei Kinder. Ruth nahm sich 1937 mit 19 Jahren das Leben. Die näheren Umstände ihres Suizids sind nicht bekannt, aber vermutlich steht er im Zusammenhang mit der Verfolgung jüdischer Menschen im Nationalsozialismus, und ihr Name wurde in das „Gedenkbuch für die Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933–1945“ aufgenommen. Inge, Jahrgang 1921, konnte 1939 nach London emigrieren und ist dort im Mai 1942 nach einem epileptischen Anfall in der Badewanne ertrunken. Arnold, 1924 als jüngstes Kind geboren, war Sportler, leidenschaftlicher Fußballer. Er konnte nicht begreifen, dass er plötzlich nicht mehr in der Mannschaft mitspielen durfte. Arnold wollte dazugehören. Er wollte Mitglied der Hitlerjugend werden. Altersgenossen erzählten, dass der Lehrer Otto von Hinüber ihm zu erklären versuchte, warum das nicht ginge. Ohne Erfolg. Wenn Arnold von seiner Lehrstelle als Tapezierer in Hannover vom Bahnhof her über den Kirchplatz zur Uetzer Straße nach Hause wollte, musste er buchstäblich Spießrutenlaufen. Er wurde durch die Reihen der Hitlerjugend getrieben und jeder versuchte, ihm in den Hintern zu treten. Arnold wurde zusammen mit den Eltern am 6. Dezember 1941 von Hamburg aus nach Riga deportiert. Nachbarn aus der Uetzer Straße haben berichtet, dass Elsa Cohn schrecklich geschrien habe, als die Familie vier Tage vorher abgeholt wurde. Julius und Elsa wurden in Riga ermordet, vermutlich Anfang 1942. Arnold wurde möglicherweise später noch von Burgdorfern, die als Soldaten an der Ostfront waren, bei der Zwangsarbeit gesehen. Einige berichteten, dass sie Zeugen wurden, wie Arnold von einem SS-Wachmann erschossen wurde, als er sie erkannte und auf sie zugehen wollte.

Julius Cohn Kennkarte
Elsa Cohn geb. Rose Kennkarte
Arnold Cohn Kennkarte

Poststraße 1

Poststraße 1

Geschäft Moosberg

Emilie Neuhaus geb. Moosberg und Clara Palmbaum geb. Moosberg

Sally Levy Moosberg aus Bückeburg erwarb 1858 das Haus Poststraße 1 von Getreidehändler Heinrich Natje und eröffnete ein Manufakturwarengeschäft. Ein Jahr später heiratete er Friederike, genannt Riekchen, Salberg aus Brakel bei Paderborn. Die Eheleute hatten vier Kinder: Louis, Emilie, Clara (Klara) und Moritz.

Die Tochter Emilie wurde am 5. Februar 1863 in Burgdorf geboren. Im Jahr 1892 heiratete sie in Burgdorf den Kaufmann Michael (Moritz) Neuhaus aus Herleshausen. Moritz Neuhaus war viele Jahre Gemeindeältester der jüdischen Gemeinde Herleshausen und leitete dort die Getreide-, Futter- und Düngemittelfirma seines Vaters Jakob. Als Emilie zusammen mit ihrem Mann am 7. September 1942 nach Theresienstadt deportiert wurde, war sie fast 80 Jahre alt, ihr Mann 82 Jahre. Bereits am 11. Oktober 1942 ist Emilie dort ums Leben gekommen. Ihr Mann war zwei Tage vorher ermordet worden. Ihr Sohn Julius (geb. 1893) nahm als Kriegsfreiwilliger am Ersten Weltkrieg teil. Nach dem Krieg heiratete er eine Osnabrücker Katholikin, Wilhelmine Weber, mit der er eine Tochter, Annemarie, hatte. Dank dieser sog. „privilegierten Mischehe“ wurde er nicht zusammen mit den Eltern deportiert

Moritz Neuhaus ca. 1888
Emilie Neuhaus geb. Moosberg ca. 1888

Louis Moosberg, Emilies Bruder, war das älteste Kind von Sally und Riekchen Moosberg. Er wurde 1860 in Burgdorf geboren. Ab 1894 führte er das Textilgeschäft des Vaters selbständig. Er war verheiratet mit Alma Meyerstein aus Hannover. Das Ehepaar hatte drei Kinder. Fritz, Jurastudent, Vizefeldwebel und Träger des EK II, fiel 1916 in Frankreich. Änne, die jüngste Tochter, konnte Anfang 1939 nach London emigrieren. Clara, geboren am 8. August 1896 in Burgdorf, heiratete im Juni 1921 in Burgdorf den Kaufmann Julius Palmbaum, der in Hildesheim eine Fell- und Darm-Großhandlung betrieb.

Moosberg Fritz Clara und Änne
Dachboden des ehem. Hauses Sannemann Fritz-Clara-Änne Moosberg Menge verarbeiteter Bettfedern 20 Sep. 1904
Fritz Moosberg Grabstein jüd. Friedhof Uetzer Str.
Hinten Clara geb. Moosberg und Juliurs Palmbaum Vorne Fritz Großeltern Julie und Phillip Palmbaum Kurt ca. 1927
Hinten Änne Moosberg Clara Moosberg Minna Ziesenis Berta Worthmann Unten-Martha Meyer-Ziesenis Kurt Meyer Tochter von Berta Worthmann Hans-Otto Klauke Martha Klauke 1925

Das Ehepaar Palmbaum wurde zusammen mit dem 1924 geborenen Sohn Kurt am 1. April 1942 nach Warschau deportiert. Die letzte Nachricht ist eine Rot-Kreuz-Karte, die Anfang 1943 geschrieben wurde. Als im April und Mai 1943 der Aufstand des jüdischen Widerstandes im Warschauer Ghetto von der SS blutig niedergeschlagen wurde, sind alle drei ums Leben gekommen.

Ihr älterer Sohn Fritz, geboren 1922, musste 1938 die Oberrealschule Hildesheim verlassen. Als 16-Jähriger wanderte er mit einem Einreisevisum des Reichsbund jüdischer Frontkämpfer, von denen 200 an Söhne von Mitgliedern vergeben wurden, allein nach Australien aus. In Australien wurde aus Fritz Palmbaum Fred Palmer.

Das Manufakturwarengeschäft (Herren- und Damenstoffe; Federbetten) Moosberg bestand aus dem Ladengeschäft in Burgdorf, aber auch aus einem Reisegeschäft mit mehreren reisenden Angestellten. Moosberg versorgte die Mitglieder des Schützenvereins mit den neuesten Uniformmodellen „und in erstklassiger Qualität“ wie es in mehreren Annoncen hieß. Vor allem aber verkaufte er auf den Bauernhöfen im Umland die Wäscheaussteuer für die Töchter. Die Familie konnte das gut angesehene Geschäft bis Ende Juli 1935 halten. Schon ab 1934 war es NSDAP-Mitgliedern verboten, bei Moosbergs zu kaufen. Da die Partei gegenüber im damaligen Gasthaus Wiesener ihre Zentrale hatte, standen Kunden unter ständiger Beobachtung und wurden mit antisemitischen Zurufen bedroht. Irgendwann blieben selbst die treuesten Kunden aus und das Geschäft, das drei Generationen lang von den Moosbergs betrieben worden war, wurde Anfang 1936 an Friedrich Fehling verpachtet. Fehling zog dann am 1. September 1937 in ein anderes „arisiertes“ Geschäft (Schuhgeschäft Jacobsohn) in der Marktstraße 56 um.

Ännes Eltern Louis und Alma waren bereits im April 1937 nach Hannover gezogen. Nachdem das Haus einige Zeit leer gestanden hatte, musste Änne Haus und Grundstück im November 1937 an Carl Sannemann verkaufen. Alma starb im Dezember 1941 und Louis im März 1942 im Altersheim des Israelitischen Krankenhauses in der Ellernstraße in Hannover.

Änne (geb. 1899) heiratete 1944 in London Max Heimann [1], der jedoch schon nach zweijähriger Ehe starb. Während die Familie Moosberg in Burgdorf selbst Hausangestellte hatte, musste sich Änne im Exil nun ihrerseits als Hausmädchen verdingen, was sie nicht ohne Bitterkeit in ihrem Wiedergutmachungsantrag bemerkte.

[1] Die Ehemänner von Änne Moosberg und ihrer Tante Clara heißen zufälligerweise beide Max Heimann

Clara, geboren 1865 in Burgdorf, die Tante von Änne verheiratete Heimann und von Clara verheiratete Palmbaum, begleitete ihren inzwischen verwitweten Vater Sally Moosberg 1895, als dieser nach Bückeburg verzog. In Lüdge heiratete sie Max Heimann, mit dem sie zwei Töchter hatte: Käthe (geb. 1899), die nach Palästina auswanderte, und Friederike (genannt Frieda, geb. 1898). Friederike heiratete später Gustav Italiener und kam mit ihm und den beiden Söhnen in Auschwitz um (s. Poststraße 2). Clara selbst starb im November 1938 (oder 1940?) in einem Altersheim in Hannover.

Moritz, das jüngste Kind von Sally und Riekchen, wurde 1868 in Burgdorf geboren und heiratete Ella Blank aus Witten. Moritz Moosberg lebte als Kaufmann im Ruhrgebiet und starb 1937. Sein Sohn Kurt (geb. 1903) war glühender Zionist und verkehrte 1926 bis 1928 in Hannover in dadaistischen Zirkeln um Kurt Schwitters. Er wanderte früh (1929) nach Palästina aus. Mit seiner Frau Rita geb. Levis zog er dort drei Töchter groß: Yael, Yehudit und Raya. 2018 besuchten Yael und Yehudit mit anderen Familienmitgliedern Burgdorf.

Clara Heimann geb. Moosberg Max Heimann ca. 1930
Vorne: Ruth Fricke-Weinel Yael Shechter Ehemann Mordechai Shechter Schwester Yehudit Biller geb. Shechter Mitte: Tochter Shybboleth Shechter Hinten: Olaf Weinel Brigitte Janssen 2018

Marktstraße 48

Marktstraße 48

Clara Aselmann Johanne Simon Rudolf Aselmann 1949
Meldekarte Johanne Simon Hannoversche Neustadt 4
SA und NSDAP marschieren durch die Marktstraße 1933

Familie Simon

Julie Simon wurde am 8. Januar 1869 in Lohne geboren. Seit April 1880 lebte sie mit den Eltern, Samuel-Andreas Simon und Jette geb. Silbermann, und vier Geschwistern in Burgdorf. Ihr Vater stammte aus Burgdorf. Zusammen mit ihren Schwestern Sophie (geb. 1866) und Johanne (geb. 1877) betrieb sie eine „Weißschneiderei und Putzmacherei“ in der Marktstraße 48. Ungezählte Kleider und Hüte stellten die drei her oder veränderten sie und trugen so zur Verschönerung der Burgdorfer Damenwelt bei. Sophie bot außerdem Nähkurse für junge Mädchen aus Burgdorf und Umgebung an.

Am 1. April 1933 standen SA-Männer vor den jüdischen Geschäften in der Marktstraße. Sie trugen Schilder „Kauft nicht bei Juden“ und „Die Juden sind unser Unglück“. Schon vor 1933 und erst recht danach marschierten Abteilungen der SA und der Hitlerjugend durch die Marktstraße und sangen unter anderem „Wenn das Judenblut vom Messer spritzt, ja dann geht es uns noch mal so gut“. Eine ganze Reihe derer, die dort marschierten, hatten Frauen, Schwestern oder Mütter, die bei den Schwestern Simon das Nähen gelernt und viele Jahre lang Nähzeug gekauft oder Hüte erstanden hatten. Die Einkünfte der Simon-Schwestern gingen durch den Boykott jüdischer Geschäfte dramatisch zurück. Im Dezember 1937 wurde ihnen der Mietvertrag für den Laden gekündigt. Sie lebten von einer kleinen Invalidenrente, die Johanne auf Grund einer Körperbehinderung bezog. Sie war als Kind gestürzt und hatte keine angemessene medizinische Versorgung bekommen. Davon hatte sie ein Hüftleiden zurückbehalten.

Sophie starb 1940 noch in Burgdorf. Am 1. April 1943 wurde Julie zusammen mit ihrer Schwester Johanne nach Hamburg ins Stadthaus, der Zentrale der Hamburger Gestapo verschleppt. Auf Johannes Meldekarte wurde dies euphemistisch als „evakuiert nach Hamburg“ vermerkt. Johanne und Julies Nichte Clara Aselmann geb. Simons berichtete, dass Polizist Meyer Johanne ins Gesicht geschlagen habe, als er sie zur Deportation abholte. Die Wohnung in der Hannoverschen Neustadt 4 war bereits geplündert, als das Finanzamt einige Tage später den Besitz der Schwestern zu Gunsten des Deutschen Reichs verkaufen wollte. Vermutlich über das Gefängnis Hamburg Fuhlsbüttel wurden beide am 5. Mai 1943 nach Theresienstadt deportiert. Dort starb Julie am 28. Juli 1944 an Entkräftung, zwei Tage bevor sie hätte nach Auschwitz transportiert werden sollen.

Julies Schwester Johanne wurde von der Transportliste nach Auschwitz wieder gestrichen, weil der Koch für die SS-Wachmannschaften sie als tüchtige Kartoffelschälerin nicht missen wollte. Sie hat überlebt und den Tod ihrer Schwester Julie bezeugen können. Am 3. August 1945 ist sie laut Meldekarte wieder nach Burgdorf „zugezogen vom Konzentrationslager Theresienstadt“.

Louisenstraße 4

Louisenstraße 4

Meyer Löwenstein und Ida geb. Blumenthal auf dem Spittaplatz

Meyer Löwenstein und dessen Frau Ida geb. Blumenthal

Meyer Löwenstein wurde am 29. Oktober 1866 im hessischen Fronhausen geboren. Im Juli des Jahres 1886 kam er als Lehrer der Synagogengemeinde nach Burgdorf. Seine gesamte Berufszeit als Lehrer, Vorbeter und Schächter der Gemeinde wirkte er in Burgdorf. Diese Ämterkopplung war damals gängige Praxis, denn das Gehalt eines jüdischen Elementarlehrers auf dem Land war eher kümmerlich und deutlich geringer als das seiner christlichen Kollegen.

In Burgdorf heiratete Meyer Löwenstein Ida BlumenthaI, die Tochter seines Vorvorgängers. Seine Geradlinigkeit und Güte brachten ihm die Achtung innerhalb und außerhalb der kleinen jüdischen Gemeinschaft Burgdorfs ein. Pastor Brandes, Pfarrer an St. Pankratius, und Meyer Löwenstein, der jüdische Lehrer, liebten es z.B., an der Aue spazieren zu gehen und sich über Gott und die Welt zu unterhalten. Meyer Löwenstein war auch mit Schwester Anna, der Leiterin des Armenhauses, befreundet, brachte ihr Matzen und reparierte die elektrische Leitung. Und auch mit den christlichen Fleischern gab es nun nach früheren Beschwerden ein kollegiales Abkommen. „Rabbi“ Meyer Löwenstein, der zugleich als Schächter wirkte, ging turnusmäßig reihum zu allen jüdischen und allen christlichen Metzgern und tötete Tiere auf die Juden vorgeschriebene Weise, damit alle Fleischer regelmäßig koscheres (rituell reines) Fleisch für die jüdischen Familien anbieten konnten. An den jüdischen Feiertagen leitete er den Gottesdienst in der kleinen Synagoge in der Poststraße, zu dem auch Gemeindemitglieder aus Lehrte, Burgwedel und Isernhagen kamen. Schon zu Zeiten der Weimarer Republik wurde der Gottesdienst manchmal von johlenden, rechtsgerichteten Gruppen gestört. Nachdem sich der Elementarunterricht in Rechnen, Lesen und Schreiben mehr und mehr an die staatliche Schule verlagert hatte, erhielten die jüdischen Kinder bei Meyer Löwenstein nur noch Hebräisch- und Religionsunterricht.

1934 zog das Ehepaar Löwenstein nach Hannover, um in der Großstadt unterzutauchen. Am 23. Juli 1942 wurden beide von ihrem letzten Wohnort aus, dem Judenhaus in der Ellernstraße 16 (ehem. Israelitisches Krankenhaus), nach Theresienstadt deportiert. Meyer Löwenstein fand dort am 11. Mai 1943 den Tod. Ida Löwenstein überlebte. Fast drei Jahre nach ihrer Befreiung konnte sie endlich nach Palästina zu ihren Söhnen Paul und Ernst Pinchas ausreisen. Ende 1949 kehrte sie nach Deutschland zurück, wohnte u.a. noch einmal für kurze Zeit in Hannover-Waldhausen, bevor sie am 29. November 1950 in Essen-Werden starb.

Während Meyer und Ida Löwensteins Sohn Paul (geb. 1891) und ihr Adoptivsohn Ernst Pinchas Blumenthal (geb. 10. Oktober 1912) 1939 bzw. 1935 über England nach Palästina emigrieren konnten, verpasste die Tochter Johanna Margarete Sara die Chance zur Auswanderung mit ihrem Mann Arthur Kaufmann. Margarete, genannt Grete, wurde am 28. Januar 1896 in Burgdorf geboren. Von 1915 bis 1933 arbeitete sie als Bankbeamtin bei der Dresdner Bank in Hannover, danach bei der Zentralen Wohlfahrtspflege der jüdischen Gemeinde. 1939 heiratete Margarete den Rechtsanwalt Dr. Arthur Kaufmann. Er hatte nach Shanghai auswandern wollen und kannte die offenkundigen Gefährdungen. Arthur Kaufmann wurde bereits im November 1938 kurzzeitig im Konzentrationslager Buchenwald als sogenannter „Aktionsjude“ inhaftiert. Trotzdem wurde jetzt erst einmal ein neuer Hausstand in der Gneisstraße 5 in Hannover gegründet. Als das Ehepaar 1940 schließlich nach Brasilien emigrieren wollte, war es zu spät. Die Kaufmanns waren nach dem Berufsverbot für jüdische Anwälte gezwungen, ihre Wohnung in der Hannoverschen Südstadt aufzugeben, und zogen im April 1939 in eine Wohnung der jüdischen Gemeinde in der Ohestraße 8. In den Gebäuden des dortigen Gemeindezentrums wurde bis zum 3. September 1941 eines der 15 „Judenhäuser“ eingerichtet, in die alle 1.200 hannoverschen Juden innerhalb von 24 Stunden einziehen mussten. Für die Kaufmanns dauerte das Elend des beengten Lebens in diesen Judenhäusern nur kurz. Bereits am 15. Dezember 1941 wurden beide von Ahlem aus zusammen mit 999 anderen Hannoveraner Juden und Jüdinnen nach Riga deportiert. Das Ehepaar Kaufmann war dabei gezwungen, als Angestellte der jüdischen Gemeinde die Deportationslisten für die Gestapo (Geheime Staatspolizei) selbst zusammen zu stellen und für die Vermögenserklärungen der Gelisteten zu sorgen. In Riga kamen beide ums Leben. Wann wissen wir nicht. Ida Löwenstein, Margaretes Mutter, schrieb noch im August 1946 von ihrer Hoffnung, dass Grete und ihr Mann aus Riga zurückkehren mögen: „Denn wenn sie ins Innere von Russland gekommen sind, kommen sie nicht so schnell heraus, wie hier ein Herr, der zurückkam, erzählte“. 

Meyer Löwenstein und Ida geb. Blumenthal
Margarete Kaufmann geb. Löwenstein 1932 vor dem Amtsgericht Burgdorf

Gartenstraße 9

Gartenstraße 9

Johanna Schweitzer geb. Cohn und ihr Ehemann Benedict als junges Paar
Hermann Cohn im Garten
stehend v.li.: Hermann Cohn, Alfred Vogelsang, Senta Cohn, Julius Cohn, Ludwig Vogelsang; sitzend v.li.: Rosalie Cohn geb. Lindenbaum, Helene Vogelsang geb. Cohn, Paul Vogelsang, Else Cohn geb. Rose, ca. 1930

Hermann Cohn, Rosalie Cohn geb. Lindenbaum, Helene Vogelsang geb. Cohn und Johanna Schweitzer geb. Cohn

Das Haus in der Gartenstraße 9 mit der großen Schlachterei, das David Cohn 1909 gebaut hatte, war der Mittelpunkt der großen Cohn-Familie, auch noch als es bereits in den Besitz des Sohnes Hermann übergegangen war. Der Sohn Nathan Carl lebte mit Frau und Töchtern in dem Haus schräg gegenüber in der Gartenstraße 44. Julius zog mit seiner Familie 1926 in die Uetzer Straße 12. Emil und seine Familie wohnten bis 1929 in der Wallgartenstraße 38. Die beiden Töchter, Helene und Johanna, hatten nach Dortmund Asseln bzw. Ipplendorf bei Bonn geheiratet.

Vater David bestand offenbar darauf, dass alle seine Söhne das Metzgerhandwerk erlernen mussten. Nach seiner Meisterprüfung übernahm Sohn Hermann bereits 1910 zusammen mit seinem Bruder Emil die Schlachterei vom Vater und führte sie dann ab 1914 allein weiter, bis er 1935 oder 1936 den Betrieb einstellen musste. Wirtschaftlich war er überaus erfolgreich. Heinrich Frese, der als Geselle bei Hermann Cohn arbeitete, wusste zu berichten, dass vor 1933 jede Woche etwa zehn Rinder und dreißig Schweine geschlachtet wurden. Für damalige Verhältnisse war der Betrieb eine Großschlachterei, die ihren Absatz vor allem bei Metzgereien in Hannover fand. Den stolzen Schlachtermeister traf der erzwungene wirtschaftliche Ruin tief. Ab Sommer 1936 musste Hermann im Straßenbau Zwangsarbeit leisten. In der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 mag Hermann Cohn zunächst aufgeatmet haben, weil die Synagoge nicht in Brand gesetzt worden war. Hermann Cohn war seit 1932 Vorsteher der jüdischen Gemeinde und deswegen für die Synagoge verantwortlich. Aber dann wurde er noch in der Pogromnacht mit Gewalt aus dem Haus geholt und vorübergehend ins Konzentrationslager Buchenwald verschleppt. Nach Kriegsbeginn wollte Hermann Cohn mit seiner Frau Rosalie ausreisen, und zwar nach Australien. Warum das Ehepaar dann aber doch in Burgdorf geblieben ist, wissen wir nicht. Offenbar gab es Schwierigkeiten mit dem Reisebüro in Lüneburg. Vielleicht hat Hermann Cohn auch zu lange gezögert, weil er an seinem Haus und Anwesen und an seiner Heimatstadt hing. Oder weil er entgegen vieler bitterer Erfahrungen doch noch die vage Hoffnung hatte, dass ihm, dem Frontsoldaten und angesehenen Bürger der Stadt, und seiner Frau keine Gewalt angetan würde. Am 2. Dezember 1941 wurden beide über Lüneburg und Hamburg nach Riga deportiert und dort 1942 ermordet. Da waren Hermann 59 und seine Frau Rosalie 57 Jahre alt. Ihr genaues Todesdatum ist unbekannt. Riga-Überlebende, das Ehepaar Katz aus Lehrte, haben berichtet, Hermann habe einen schweren Tod erlitten.

m Jahr 1910 hatte Hermann Cohn Rosalie geb. Lindenbaum aus Dortmund-Huckarde geheiratet. Das einzige Kind des Ehepaares, die Tochter Senta, wurde am 5. Februar 1913 in Burgdorf geboren. Nach Realschule und kaufmännischer Ausbildung in Hannover arbeitet Senta zunächst im elterlichen Geschäft mit. Nach Schließung der Schlachterei musste sie sich als Hausangestellte in Hannover verdingen. Senta emigrierte 1939 nach London, wo sie den Kommunisten Otto Franke heiratete. Sie kehrte nach dem Krieg in die spätere DDR zurück und starb im März 2007 in Berlin im Alter von 93 Jahren. Es ist eine Reihe von Rot-Kreuzkarten erhalten, die Senta während des Krieges nach Burgdorf geschickt und von hier erhalten hat. Anfänglich haben noch die Eltern geantwortet, dann, bis zu ihrer eigenen Deportation Johanne Simon und noch später Clara Aselmann. Auszüge finden sich zusammen mit anderen Dokumenten in der abgebildeten Collage.  

Die erste Schwester Hermann Cohns, Johanna Cohn, wurde am 16. Februar 1881 in Burgdorf geboren. Sie war verheiratet mit Benedict Schweitzer, der in Ipplendorf bei Bonn einen kleinen Ziegenhandel betrieb. Das kinderlose Ehepaar wurde am 20. Juli 1942 von Köln aus nach Minsk deportiert und kurz darauf in der nahe gelegenen Tötungsstätte Maly Trostinec ermordet. 

Helene war Hermann Cohns zweite Schwester und wurde 1887 geboren. Mit ihrem Mann Ludwig Vogelsang betrieb sie ganz in der Familientradition eine Schlachterei in Dortmund-Asseln, wo ihre zwei Söhne Paul (geboren 1909) und Alfred (geboren 1913) aufwuchsen. Während Ludwig Vogelsang noch 1938 in Dortmund starb, wurde Helen 1942 nach Riga deportiert und kam dort um. Der Sohn Alfred heiratete im Februar 1939 in Castrop-Rauxel Dorothea geb. Heymann. Vermutlich im Juli wanderten beide nach Belgien aus, nachdem Alfred im Anschluss an die Reichspogromnacht bereits vorübergehend mit dem Konzentrationslager Sachsenhausen Bekanntschaft gemacht hatte. In Belgien wurden sie vom Nazi-Regime eingeholt und im September 1942 in getrennten Transporten von Drancy aus nach Auschwitz deportiert, wo beide ermordet wurden. Alfreds Bruder Paul wurde ebenfalls von Drancy aus 1943 nach Majdanek oder Sobibor gebracht und ermordet. Seine Frau Henriette und ihre Tochter Jaqueline Marion überlebten in Frankreich.

In der Mitte Senta Cohn mit ihren Eltern Hermann und Rosalie. Im Uhrzeigersinn Postkartenwechsel Sentas mit den Eltern in Burgdorf und Dokumente zu Sentas Suche nach den Eltern nach ihrer Deportation nach Riga

Marktstraße 43

Marktstraße 43

Kurt Steinberg alias Curtis Stanton über das Schicksal seiner Mutter und sein eigenes

Karoline Steinberg geb. Asser

Karoline Steinberg geb. Asser war die Frau von Henry Steinberg. Henry wurde am 2. September 1885 in Burgdorf als Sohn von Salomon Steinberg und Jenny Steinberg geb. Baruch geboren. Er verzog als junger Mann nach Hamburg, wo er als Kaufmann bei einer Zweigstelle der Fa. Karstadt tätig war. Im Zuge der „Arisierung“ der Warenhauskette Karstadt nach 1933 verloren 830 jüdische Angestellte, darunter auch Henry Steinberg, ihren Arbeitsplatz. Karoline wurde von Hamburg aus mit ihrem Mann und ihrem 13-jährigen Sohn Kurt im Oktober 1941 nach Litzmannstadt (Lodz) deportiert. Dort starb Henry am 6. September 1942 an Unterernährung. Seine Frau wurde im Juli 1944 in Auschwitz im Alter von 48 Jahren vergast. Kurt überlebte die Selektion in Auschwitz, weil er sich als 17jährig ausgab und wurde dem „Kanada-Kommando“ zugeteilt. Hier musste er die Kleidung der soeben in den Gaskammern ermordeten Menschen sortieren. Mit dem Vorrücken der Ostfront wurde Kurt nach Mauthausen, dann nach Sachsenhausen deportiert. Auf einem der Todesmärsche wurde er von den Alliierten bei Kriegsende in der Gegend von Lübeck befreit.

Kurts Großmutter, Jenny Steinberg, hatte sich bereits am 18. Januar 1941 mit 85 Jahren aus Angst vor der Deportation in Burgdorf das Leben genommen.

Marktstraße 62

Marktstraße 62

Henny geb. Hirschberg und Gustav Schönfeld, 1937
Johanne Hirschberg mit Nichte

Henny Schönfeld geb. Hirschberg und Johanne Hirschberg

Henny Schönfeld und ihre Schwestern Johanna/e und Ella waren die Töchter des Burgdorfer Kaufmanns Hermann Hirschberg und seiner Frau Bertha geb. Steinberg. Henny war die Älteste und wurde 1873 geboren, Ella dann 1876 und Johanna 1881. Johanna war sehr musikalisch. Bei großen jüdischen Festen sang sie in der Synagoge in Hannover. Auch in der Oper soll sie gesungen haben, vermutlich im Opern-Chor. In Burgdorf saß sie nach Feierabend auf der Bank vor dem Geschäft des Vaters auf der Marktstraße 60 (heute Nr. 62) und sang im Familienkreis. „Dann lief die ganze Nachbarschaft zusammen und hörte zu“, erzählen alte Burgdorfer. Ob Johanna erst später erblindet ist oder von Geburt an blind war, konnte bisher nicht eindeutig geklärt werden. Hermanns Witwe Bertha zog 1922 zusammen mit Johanna nach Nordstemmen zu ihrer Tochter Henny Schönfeld und deren Mann Gustav. Gemeinsam zogen sie 1936 von dort nach Barsinghausen. Dort sind Bertha 1937 und Gustav 1939 gestorben. Henny und Johanna wurden beide am 23. Juli 1942 von Barsinghausen über Hannover-Ahlem nach Theresienstadt deportiert (Transport VIII/1, Train Da 75 from Hannover,Hannover (Hannover),Hanover,Germany to Theresienstadt,Ghetto,Czechoslovakia on 23/07/1942 ). Johanna kam dort am 20. November 1942 ums Leben. Henny wurde am 15. Mai 1944 nach Auschwitz weiter deportiert (Transport Dz from Theresienstadt,Ghetto,Czechoslovakia to Auschwitz Birkenau,Extermination Camp,Poland on 15/05/1944 ) und dort ermordet. Hennys Sohn Rudolf hat in einer sog. „privilegierten Mischehe“ in Hildesheim überlebt, die Kinder Carl und Grete sind rechtzeitig in die USA ausgewandert.

Friederikenstraße 55

Fredrikenstraße 55

Stolpersteine in der Friederikenstraße 55, verlegt am 14. September 2008

Minna Samuelson geb. Katzenstein

Minna Samuelson geb. Katzenstein zog mit ihrem Mann, Klempnermeister Isidor Samuelson, 19010 nach Burgdorf. Hier betrieben sie einen Schrott- und Altwarenhandel. Samelsons, wie sie sich selbst bezeichneten, waren stadtbekannt, auch wenn sie für damalige Verhältnisse in der Friederikenstraße 55 fast am Stadtrand wohnten. Dafür sorgte das Geschäft von Isidor Samuelson, wenn er mit den älteren Söhnen mit lautem Singsang durch die Stadt zog: „Eisen, Lumpen, Knochen und Papier, alles, alles sammeln wir.“ Samuelsons waren nicht begütert, aber beliebt, weil sie den noch ärmeren Familien der Stadt dazu verhalfen, aus überflüssigen „Produkten“, wie die Altwaren genannt wurden, noch etwas Geld zu machen. 

Das Paar hatte vier Söhne, Erwin, Walter, Herbert und Kurt und eine Tochter, Herta. Die beiden älteren Söhne Isidors, Martin und Artur, aus erster Ehe mit Ida geb. Fromme(r) sind unter den gefallenen Soldaten des Ersten Weltkriegs auf dem Ehrenmal rechts am Eingang der St. Pankratius Kirche verzeichnet. 1928 zog Isidor Samuelson mit seiner Familie nach Hannover. Minna und Isidor wurden zusammen mit ihrem Sohn Kurt am 23. Juli 1942 von Ahlem aus nach Theresienstadt deportiert (Transport VIII/1, Train Da 75 from Hannover,Hannover (Hannover),Hanover,Germany to Theresienstadt,Ghetto,Czechoslovakia on 23/07/1942)

Isidor starb am 18. Dezember 1942 in Theresienstadt mit 77 Jahren. Minna wurde am 15. Mai 1944 nach Auschwitz geschickt und im Alter von 67 Jahren umgebracht (Transport Dz from Theresienstadt,Ghetto,Czechoslovakia to Auschwitz Birkenau,Extermination Camp,Poland on 15/05/1944) . Kurt kam 36-jährig am 14. Oktober 1944 dort um. Herta wurde schon am 15. Dezember 1941 nach Riga deportiert. Ihr letztes Lebenszeichen stammt vom 30. April 1943. Da war sie 31 Jahre alt. Erwin, Walter und Herbert wanderten rechtzeitig aus und lebten später in den USA.

Poststraße 2

Poststraße 2

Gustav Italiener und Friederike geb. Heimann

Friederike Italiener geb. Heimann, Gustav Italiener und ihre Söhne Gerard und Henri

Friederike Italiener geb. Heimann war die Enkeltochter von Sally Levy Moosberg und seiner Frau Riekchen geb. Salberg, denen ein Textilgeschäft in der Poststraße 1 in Burgdorf gehörte. Ihre Mutter Clara hatte in Lügde Max Heimann geheiratet, wo Friederike und ihre Schwester Käthe aufwuchsen. Gustav war 1884 in der Lehrerwohnung der Synagoge (heute KulturWerkStadt) in der Poststraße 2 als Sohn des Lehrers Josef Italiener und seiner Frau Marianne geb. Adler geboren worden, aber in Peine aufgewachsen. 

Gerard Hans Italiener
Henri Werner Italiener

Gustav und die vierzehn Jahre jüngere Friederike werden sich vermutlich bei Besuchen der Großeltern Moosberg bzw. Adler in Burgdorf kennengelernt haben. Mit den 1925 und 1926 geborenen Söhnen Gerard und Henri lebte Friederike und Gustav in Hamburg. Er war dort Kaufmann und führte Am Neuen Wall in Hamburg eine Pelzkonfektion en gros. Die Familie wanderte zu Beginn des Krieges, vielleicht auch schon Anfang 1939 nach Ixelles/Brüssel aus. Am 4. September 1942 wurden alle vier vom berüchtigten Sammellager Drancy nordöstlich von Paris aus nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Möglicherweise waren die beiden Söhne davor in Gurs, im Südwesten Frankreichs, interniert.

Friederike, Clara geb. Moosberg, Max Heimann, Katharina, um 1918
Emma Blumenthal

Emma Blumenthal

Am 18. August 1855 wurde Emma Blumenthal im Haus Poststraße 2 geboren, im Gebäude der Synagoge. Ihr Vater war Pincus (auch Pintus oder Pinchas) Jacob Hirsch Blumenthal, der von 1853 bis 1874 als Lehrer der jüdischen Gemeinde in Burgdorf wirkte. Ihre Mutter Pauline Blumenthal geb. Rosenberg stammte aus einer Familie, die seit Generationen in Burgdorf lebte. Emmas Großeltern, Israel Gerson Rosenberg und seine Frau Marianne geb. Hammerschlag, waren auch die Urgroßeltern von Gustav, Bruno und Ludwig Italiener, die in der Zeit als Ihr Vater Josef in Burgdorf der Lehrer war, ebenfalls in diesem Haus lebten. Die Gräber von Israel Gerson Rosenberg und Pinchas Blumenthal sowie seiner Frau Pauline befinden sich auf dem Jüdischen Friedhof in der Uetzer Straße.

Als Unverheiratete lebte Emma Blumenthal lange Zeit im Elternhaus und spielte später wohl die Rolle einer „Familientante“, indem sie hier und da in der Familie den Haushalt führte, zuletzt für ihren Bruder Hirsch, genannt Hermann, der in Kassel als Bankier lebte. In Kassel blieb sie nach dessen Tod wohnen. Aber sie besuchte ihre Heimatstadt Burgdorf oft. Dort lebte ihre Schwester Ida, deren Mann Meyer Löwenstein seit 1886 in der Stadt als jüdischer Lehrer tätig war (siehe Louisenstraße 4). Noch im Jahr 1940 wohnte Emma Blumenthal zwei Mal jeweils für kurze Zeit bei Schwester und Schwager, die 1934 in der Hoffnung, in der Großstadt anonymer und weniger den Angriffen der Nazis ausgesetzt leben zu können, nach Hannover umgezogen waren. Von Kassel aus wurde sie am 7. September 1942 im Alter von 87 Jahren nach Theresienstadt deportiert und dort am 9. Oktober 1943 ermordet.

Schlossstraße 10

Schlossstraße 10

Geschäft von Bernhard und Henriette Gumperz geb. Fels in der Poststraße 13

Henriette Gumperz geb. Fels

Seit 1879 lebte Henriette Gumperz geb. Fels mit ihrem Mann Bernhard in Burgdorf. In der Poststraße 13 führten sie bis zum plötzlichen Tod ihres Mannes im Jahre 1910 ein Textilgeschäft. Drei Kinder, Johanna (1882), Albert (1884) und Gertrud (1886), brachte sie in Burgdorf zur Welt. Zuletzt wohnte sie in der heutigen Schlossstraße 10.

Ihre Mutter Bertha und ihre drei Schwestern, Ida, Emma und Therese, sind ihr nach Burgdorf gefolgt. Ihre Schwägerin Friederike war mit dem begüterten Burgdorfer Ölfabrikanten Carl Meyer verheiratet. Burgdorf war für die Familie offenbar bis zur Machtergreifung durch die Nationalsozialisten eine liebenswerte Stadt. Im Oktober 1933 verließ Henriette Gumperz Burgdorf und suchte Schutz bei ihrem Sohn Albert in Düsseldorf, weil sie sich hier wegen der Ausschreitungen des nationalsozialistischen Pöbels gegen jüdische Mitbürger, von denen die Nichte ihres Mannes, Olga, in einem Brief 1955 berichtet, nicht mehr sicher fühlte. 

Albert wurde in der Pogromnacht in Düsseldorf verhaftet und kurzzeitig nach Dachau verschleppt. Nach seiner Rückkehr emigrierte Henriette im April 1939 nach Den Haag. Ihr Name taucht dann erst wieder in den Listen des Lagers Westerbork (Niederlande) auf. Am 24. November 1942 wurde sie dort eingeliefert und noch am selben Tag nach Auschwitz deportiert. Dort kam sie am 27. November entweder tot an oder wurde bei ihrer Ankunft im Alter von 85 Jahren direkt in die Gaskammer geschickt.